Mitten im Winter, im oberen Engadin sank das Thermometer in den Februarnächten auf Minus 26 Grad Celsius, und tagsüber stieg es auch nicht über 15 Grad Minus, der Himmel war grau, und ein eisiger Wind wehte von Maloja herauf. Aber dies alles störte die Wasseramsel nicht, sie stürzte sich von den Eisrändern des Inn, der hier oben noch ein schmaler, schnellfließender Bach ist, in das eiskalte Wasser, tauchte ein, lief mit schnellen Schritten über Steine und Kiesel, um acht oder zehn Meter entfernt eben so behende wieder herauszufliegen, sich auf einen Stein oder Baumstumpf, eisverkrustet oft, zu setzen und mit zarter, kaum vernehmbarer Stimme eine innige Melodie anzustimmen.

Die Wasseramsel, auch Wasserstar oder Wasserschmätzer genannt, ist kein Wasser-, kein Schwimmvogel; sie ist dem Zaunkönig verwandt, wenngleich viel größer. Überwiegend auf der nördlichen Erdhalbkugel heimisch, gibt es etwa 20 Arten. Die in Deutschland und in den Nachbarländern vorkommende Wasseramsel ist etwa starengroß und wiegt ca. 55 Gramm. Das Weibchen, im Gefieder vom Männchen nicht zu unterscheiden, ist etwas kleiner. Es ist ein blaßbrauner Vogel, die Flügel eher schiefergrau, Brust Und Kehle hellweiß; mit der Ringamsel nicht zu verwechseln, schon vom Lebensraum her nicht.

Die Wasseramsel ist an schnellfließenden Gewässern, an Bächen, vornehmlich in bergigem Land, an Wasserfällen oder Stromschnellen zu finden, vorausgesetzt, daß Bach und Strom klares Wasser führen. Brehm schreibt über den Vogel: „Lieblingsplätze von ihm sind die klaren, beschatteten Forellenbäche .. ., ihnen folgt er bis zu ihrem Ursprünge, und wenn dieser ein Gletschertor wäre.“

Und er fügt hinzu: „Der Wasserschmätzer gehört nicht allein zu den auffallendsten, sondern auch zu den anziehendsten unserer Vögel. Seine Begabungen sind eigentümlicher Art.“ So ist es. Benende wie eine Bachstelze bewegt er sich am und im Wasser; er kann nicht schwimmen, aber er kann tauchen, er kann auf dem Bachgrund sowohl gegen den Strom als auch mit dem Strom laufen, dabei allerlei Getier aufpicken, Steine umwälzen, stets den Kopf zum Boden geneigt, um so den Wasserdruck auszugleichen.

Immer wieder wird behauptet, die Wasseramsel jage auch Fische, vor allem junge Forellen, In Ungarn hat man einmal, wie ein Schweizer Ornithologe berichtet, mehrere hundert Wasseramseln geschossen und den Mageninhalt der Vögel untersucht. Reste von eben geschlüpften Forellen fand man nicht, wohl aber die Reste von Kerbtieren, Larven, Wasserflöhen und dergleichen. Auch Untersuchungen anderswo, ohne gleich, wie in Ungarn, ganze Populationen zu vernichten, hatten stets das gleiche Ergebnis – und wenn sich Reste von Kleinstfischen fanden, so machten sie kaum ein Prozent der Nahrung des Vogels aus. Es ist nicht gar so abwegig zu sagen, daß der ärgste Feind der Vögel, die auf dem Wasser und am Wasser leben und dort ihre Nahrung suchen, der Mensch ist, vor allem dann, wenn er angelt oder fischt. So wurde noch in diesem Jahrhundert von Forellenfischern behauptet, daß Wasseramseln ganze Bäche ausgeräubert und verödet hätten, eben weil sie den Laich der Forellen fräßen. Mit solchen Behauptungen wird auch der Eindruck erweckt, als wäre die Wasseramsel eben so häufig wie Starenschwärme im Herbst.

Die Wasseramsel ist kein Zug-, sondern ein Standvogel. An einem Bach ist das Revier eines Vogels etwa einen Kilometer weit, oft länger. Und dieses Revier verteidigt er gegen jeden eindringenden Artgenossen. Auch Männchen und Weibchen leben den größten Teil des Jahres in getrennten Revieren. Bei Naumann heißt es: „Es sind einsiedlerische Vögel, deren selten zwei, die Begattungszeit ausgenommen, nahe beisammen wohnen. Auch die Jungen, meist sind vier bis fünf Eier im Gelege, werden, sobald sie flügge sind, aus dem Revier herausgedrängt. Die Jungvögel, fast immer in Nestern an überhängenden Ufern, im Wurzelgeflecht oder auch in Nischen hinter fallendem Wasser, früher auch im Gebälk der Wassermühlen, sind oft die Beute von Wieseln und Ratten. Die Brutzeit ist unbestimmt; es sind Jungvögel schon im Februar gesehen worden.“

Zahlreich also war die Wasseramsel nie. In der Eifel und an den Bächen im Harz war sie in den sechziger Jahren noch gut zu beobachten. An der Oos, nahe Baden-Baden, habe ich sie noch Anfang dieses Jahrzehnts gesehen. Und obwohl dieser Vogel das Flachland nicht liebt, ist er, zumindest in den Wintermonaten, noch in den sechziger Jahren im Umfeld von Hamburg, an der oberen Alster, an der Bille und an der Wandse gesehen worden. An der Bille hat man, wie Hamburger Ornithologen berichten, im Winter 1981 acht Vögel gezählt, vermutlich Zuwanderer aus Skandinavien.

Schon vor mehr als hundert Jahren konnte man bei Brehm lesen: „Der Vogel hält treu an dem einmal gewählten Stande, er liebt die klaren Bäche und geht selbst bis in die Ebene hinab .. ., es sei denn, daß deren Wasser durch Ausflüsse von Fabriken vergiftet oder getrübt worden ist.“ Ein Protestsong ist der zarte Gesang der Wasseramsel nicht, eher ein Abschiedslied, denn auch der ins „regulierte Bett“ gezwungene Bach ist ihr Revier nicht.