Von Erich Vogt

Mit Vietnam brach für die Vereinigten Staaten von Amerika eine Welt zusammen. Aber inzwischen haben Politiker und Politologen, Armee-Generäle und Anti-Kriegs-Kämpfer so manchen Pfad und Irrweg ausgeleuchtet, den das Land in Vietnam gegangen ist. Nur die Vietnam-Veteranen, die kämpfende Truppe, hüllte sich in tiefes Schweigen. Ihre Sprachlosigkeit kommt nicht von ungefähr. Denn ihr Amerika, das sich der Bewahrung und Verbreitung demokratischer Werte verpflichtet fühlte, schickte sie in einen Krieg, der sie nichts anging, der keine klaren Fronten und keinen erkennbaren Feind hatte, und der sich auch nachträglich nicht durch eine positive nationale Gesinnung und Zielsetzung rechtfertigen ließ. Dazu kommen aber auch noch ganz persönliche Momente. Sie waren damals in ihrer Mehrzahl Teenager, zumeist dropouts, in der Regel Schwarze und Chicanos, ohne Chance auf einen Job und ohne politische Lobby. Und in Vietnam waren sie abwechselnd das Kanonenfutter der Generalität und die bargaining chips des Reisediplomaten Kissinger. Ohne klaren Auftrag und alleingelassen von der militärischen und politischen Führung hatten sie auch nur eines im Sinn: die 365 Tage in Vietnam so gut wie nur möglich hinter sich zu bringen. Daß sie daheim keine Konfettiparade auf dem Broadway erwartete, damit konnten sie leben. Daß man sie aber beschimpfen und mit Verachtung überziehen würde, hatten sie weder erwartet – noch verdient. Von ihrer Verbitterung bis zur inneren Emigration war es dann auch nicht mehr weit. Das ist der sozialpsychologische Hintergrund des Buches von

William Broyles, Jr.: Brothers in Arms. A Journey from War to Peace; Alfred A. Knopf, New York 1986; 284 S., 17,95 Dollar.

Daß Broyles sich 15 Jahre Zeit gelassen hat mit seinem Vietnam-Buch, ist schon erstaunlich, wenn man seine Vita liest: Student in Oxford, Vietnam-Veteran, Macher einer erfolgreichen Monatszeitschrift in Texas, und schließlich – im Alter von 38 Jahren – Chefredakteur von Newsweek. Sein langes Schweigen erklärt Broyles damit, daß er nicht wie die großen politischen Denker und Militärstrategen einfach noch ein „austauschbares Buch über Vietnam“ schreiben wollte: „Ich habe mit der Woodstock-Generation in den Minenfeldern von Da Nang gelegen. Ich habe Angst gehabt vor einem Feind, den ich nie zu Gesicht bekam. Ich mußte erst herausfinden, wer dieser Feind war. Ich mußte zurück nach Vietnam“.

Diesmal sollte die Suche nach dem „Feind“ nicht so mühsam und gefährlich werden. Als offizieller Gast Hanois und erster Vietnam-Veteran überhaupt durfte Broyles vier Wochen lang durchs Land fahren. Ohne irgendwelche Auflagen konnte er mit Reisbauern, Professoren und Generälen sprechen, mit Partei-Honoratioren, ehemaligen Vietcongs und rank-and-file-Soldaten der NVA.

Was er zusammengetragen hat, ist beeindruckend. Und was er schreibt, schreibt er ohne Haß, eher nachdenklich leise, gelegentlich mit Ausflügen in die Ironie. Seine gedankliche Klarheit und die souveräne Handhabung der überwältigenden Fülle von Ereignissen und Erinnerungen in den vergangenen zwanzig Jahren, ist bestechend. Die Rekonstruktion seiner Gespräche enthält oft erregende Passagen. Manches ist geradezu unglaublich. Man spürt: Nichts hat Broyles in den letzten Jahren mehr bewegt und geprägt als die Auseinandersetzung mit dem Vietnam-Krieg. Doch wen diese Auseinandersetzung bisher weniger bewegt hat, wird mitunter Schwierigkeiten haben, ihm zu folgen. Aber es lohnt sich, Broyles auf den Fersen zubleiben.

Vor Ort, in Da Nang, Hue, Hanoi oder Saigon zeigte sich der Feind von damals großherzig. Allenthalben Lob für die kämpfenden „Vets“, viel Tadel für die militärische Führung, die ihren „Dienst in klimatisierten Büros schoben und abends bei Kerzenlicht ihre vietnamesischen Miezen becircte“. Die Kampfmoral der Soldaten der NVA und der Zivilbevölkerung konnten sie so nicht erschüttern, hört der Autor. Das konnten auch die B 52-Bomber nicht, die quadratkilometerweise fruchtbaren Boden in verbrannte Erde verwandelten.