Von Hans Schuh

In der Herstellung von Pflanzen, die gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent sind, ist die Gentechnik am weitesten fortgeschritten. Ein Dutzend großer Firmen forscht intensiv auf diesem Gebiet. Dies liegt einerseits daran, "daß ein Chemiekonzern eher dazu neigt, die Umwelt an seine Produkte zu adaptieren, als völlig neue Konzepte zu verfolgen", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung notierte, und zwar im Erstaunen darüber, daß in Sachen Herbizidresistenz emsig, bei Krankheits- und Schädlingsresistenz dagegen recht verhalten geforscht wird.

Andererseits ist die Resistenz gegen Unkrautvertilger in einer Pflanze genetisch meist wesentlich einfacher kodiert als die Widerstandsfähigkeit gegen natürliche Schadfaktoren, was die gentechnische Manipulierbarkeit enorm vereinfacht. Im Falle des Herbizids Atrazin etwa sind Unkräuter deshalb. resistent, weil in einem einzigen Gen durch eine sogenannte Punktmutation ein einziger Baustein ersetzt wurde.

Atrazin ist wirtschaftlich ein sehr bedeutendes Herbizid und findet vor allem im Maisanbau Verwendung – der Mais ist von Natur her gegen diesen Wirkstoff resistent. Nun stören oft bei einem Fruchtwechsel Atrazin-Rückstände im Boden das Wachstum der nachfolgenden Pflanze, etwa von Soja. Da wäre es ertragreicher sowohl für den Bauern als auch für den Chemie-Konzern, erlaubten eine Resistenz von Soja und anderer Nutzflanzen den uneingeschränkten Atrazin-Gerauch. Ciba-Geigy forscht demnach auch nach Atrazin-resistenten Pflanzen und nutzt dabei die Bio- und Gentechnologie.

Schlagzeilen machte Atrazin zuletzt anläßlich der Baseler Chemie-Katastrophe, als das Unkrautvernichtungsmittel im Gefolge der Sandoz-Giftwelle rheinab ging. Die erhöhte Aufmerksamkeit für das Herbizid führte zu mehreren Pressemeldungen, die belegen, daß Atrazin hierzulande Grundwasser vergiftet. In Italien ist es ein notorischer Brunnenvergifter. Im Sommer vergangenen Jahres berichtete die Tageszeitung Die Welt aus der oberitalienischen Provinz Bergamo, dort herrsche akute Wassernot. Für mehr als 150 000 Menschen sei das Leitungswasser ungenießbar, gleiches gelte für viele Orte der Provinz Pavia.

Schuld an der Verseuchung des Grundwassers, so Die Welt, sei ein "von den Landwirten der Po-Ebene seit 15 Jahren für den Maisanbau reichlich verwendetes Unkrautvernichtungsmittel mit Namen Atrazin. Das Mittel, das jahrelang biologisch aktiv bleibt", habe bislang als gesundheitlich unbedenklich gegolten. Bei einer statistischen Erhebung der Krankheitsfälle sei deutlich geworden, "daß in den betroffenen Regionen Tumore zehnmal so häufig vorkommen wie in anderen Gegenden Italiens, selbst den Industrieregionen".

Der Bericht der Enquete-Kommission Gentechnologie stellt fest, daß die Absatzmenge von Herbiziden in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis 1983 um 81 Prozent gestiegen sei. Ferner beklagt er: "Insbesondere auf die Prüfung gentoxischer Wirkungen – d. h. Mutagenität und Cancerogenität – wird im Rahmen des Zulassungsverfahrens von Herbiziden noch zu wenig Gewicht gelegt". Atrazin sei ein Beispiel dafür, daß Gentoxizität nachgewiesen wurde und dennoch resistente Nutzpflanzen gentechnisch hergestellt werden – was den Umsatz des fragwürdigen Mittels nur erhöht. Ein weiteres solches Beispiel sei das gentoxische Herbizid Glyphosat. Die Firma Monsanta arbeitet an Glyphosat-resistenten Tabakpflanzen.

Generell geben Toxikologen für krebserregende Substanzen keine Grenzwerte an, weil bereits geringste Mengen fatale Wirkungen haben können.