Von Matthias Naß

China kommt nicht zur Ruhe. Wieder einmal kündigt Grollen aus der Hauptstadt Unheil an. Auch wenn kein politisches Erdbeben drohen sollte: Die Menschen ziehen instinktiv die Köpfe ein.

In dürren Worten verkündete der Nachrichtensprecher am Freitagabend voriger Woche, was ausländische Beobachter schon einige Tage lang erwartet hatten: Hu Yaobang, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, schied aus dem Amt. Zu seinem Nachfolger ernannte das erweiterte Politbüro den Ministerpräsidenten Zhao Ziyang. Zugleich setzte eine Kampagne gegen den "bürgerlichen Liberalismus" ein. Wieder einmal werden in Peking die Bremsen angezogen.

Der wendige, bisweilen sprunghafte Hu Yaobang ist das Opfer eines Machtkampfes zwischen Reformern und orthodoxen Marxisten geworden. Lange Zeit schien dieser Kampf schon zugunsten der Modernisierer um Deng Xiaoping entschieden zu sein. Doch als im Dezember Zehntausende von Studenten den Ruf nach Freiheit und Demokratie auf die Straße trugen, brach der schwelende Richtungsstreit neu aus. Die Reformgegner sahen den Führungsanspruch der Partei offen in Frage gestellt. Auch Deng bangte um die Autorität der KP und um sein Reformwerk. Ohne viel Federlesens ließ er den Generalsekretär fallen, dem er Sorglosigkeit im Umgang mit den aufbegehrenden Studenten vorwarf Vierzig Jahre lang war Hu der engste politische Weggefährte Dengs gewesen. Doch dies zählte auf einmal nicht mehr. Modernisierer Deng zeigte sich als rüder Machtmensch.

Die Berufung des Pragmatikers Zhao Ziyang zum Nachfolger sollte zwar ein Zeichen setzen, daß China an der Wirtschaftsreform und an der Öffnung zur Welt festhält. Aber Zweifel sind erlaubt. Die Umstände des Wechsels erschüttern die Hoffnung auf Berechenbarkeit und Stetigkeit der chinesischen Reformpolitik. Drei Wochen lang verschwand der Generalsekretär von der Bildfläche, seine Abwesenheit wurde mit "Überarbeitung" entschuldigt; schließlich mußte sich Hu einer demütigenden Selbstkritik vor einem Gremium unterziehen, das in den Parteistatuten nicht vorgesehen ist. "Wenn der Himmel einstürzt, können Hu Yaobang und Zhao Ziyang ihn tragen", hatte Deng vor anderthalb Jahren gesagt. Jetzt aber demontierte der 82jährige ungerührt einen der beiden Pfeiler seiner Nachfolge. Der übriggebliebene Zhao ist ein Technokrat ohne Hausmacht in der Partei und ohne Gefolgschaft in der Armee. Aufs neue stellt sich die Frage, was geschieht, wenn Deng "vor das Antlitz von Marx tritt", wie er sich auszudrücken beliebt. Wohin steuert China nach seinem Tod?

Die Geschichte Chinas seit der Revolution war die Geschichte unaufhörlicher parteiinterner Linienkämpfe, Intrigen und Komplotte. Eigentlich hatte Deng all dem ein Ende setzen wollen. Er hat es nicht geschafft. Das Reich der Mitte wird abermals zum unsicheren Kantonisten. Auf jeden Fall gefährdet die neuerliche Parteikrise das säkulare Reformvorhaben der Nachfolger Mao Tse-tungs.

Die Jugend des Landes hat sich längst desillusioniert von der Politik abgewandt. Nun sieht sie sich in ihrer Hoffnung auf eine offenere Gesellschaft und freiere Lebensformen abermals enttäuscht. Eine neue Abschottung gegen die "Verwestlichung" Chinas wird ihren Zynismus wachsen lassen, womöglich auch ihren Widerstand.