Von Hans-Jakob Ginsburg und Hans Schueler

Die 20-Uhr-Maschine der Middle East Airlines aus Beirut war am Dienstagabend vergangener Woche pünktlich auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen gelandet. Die Zollbeamten untersuchten das Reisegepäck der Passagiere stichprobenweise. Mag sein, daß der junge Araber, der seine voluminöse Handtasche äußerst behutsam auf dem Kontrollband abstellte, nervös wirkte. Doch nach Konterbande sah der Inhalt auf den ersten Blick nicht aus: Weich verstaut zwischen Hemden und Unterwäsche lagen drei Glasflaschen mit je drei Litern Fassungsvermögen, gefüllt mit klarer Flüssigkeit – wie die aufgeklebten Etiketten annehmen ließen, billiger Weißwein.

Die Männer vom Zoll verständigten vorsichtshalber das Landeskriminalamt. Noch vor Mitternacht stand fest, was die drei Flaschen enthielten: Neun Liter Methylnitrat, ein hochexplosiver Flüssigsprengstoff, der in seiner Brisanz und Schlagempfindlichkeit dem besser bekannten Nitroglyzerin nicht nachsteht. Die Polizeichemiker hatten zunächst an Rauschgift gedacht und deshalb mit einer Papierserviette einige Tropfen der Flüssigkeit aus einer Flasche gesogen. Als sie die Serviette im Testraum anzündeten, schoß eine Stichflamme bis an die Decke. Der Araber wurde festgenommen.

Am nächsten Tag führten Spezialisten des Bundeskriminalamtes die Formel seiner Fingerabdrücke über Telebild am Computer-Bestand aller in Wiesbaden gespeicherten Abdrücke entlang. Drei „Adressen“ blieben übrig. Unter ihnen identifizierten Daktyloskopen die richtige: Mohammed Ali Hamadei, 22 Jahre alt, neben drei anderen Tätern beteiligt an der Entführung der Trans World Airlines-Maschine Flug Nummer 847 im Juni 1985.

Vier Tage nach der Verhaftung Hamadeis flog Rudolf Cordes, Chef der Niederlassung des deutschen Chemieriesen Hoechst für den Nahen Osten, aus dem Weihnachtsurlaub zurück in den Libanon. Allem Anschein nach warteten schon am Beiruter Flughafen Hizbollah-Leute auf die verspätete Maschine aus Frankfurt, um einen beliebigen Fluggast als Geisel zu nehmen. Alltag im Libanon, in dem die Bürgerkriegsparteien Hunderte von Landsleuten gekidnappt haben und – derzeit – fünfzehn westliche Ausländer gefangenhalten.

Seit dem Wochenende tagt in Bonn ein Krisenstab. Denn Rudolf Cordes ist entführt worden, um Ali Hamadei freizupressen – das läßt sich aus den vorsichtigen Andeutungen des Regierungssprechers und der Firma Hoechst schließen. Doch mit wem kann oder soll die Bundesrepublik über einen Austausch verhandeln? Und wie wird Bonn auf die Forderung Washingtons reagieren, Hamadei auszuliefern, um ihn als Mörder abzuurteilen?

Ali Hamadei ist nicht irgendein Terrorist. Der Mann, der nach amerikanischen Untersuchungen Robert Stethem erschoß und mit seinen Gefährten das TWA-Flugzeug und 39 amerikanische Geiseln siebzehn Tage in Beirut festhielt, ist aus amerikanischer Sicht nicht nur eine Zentral-, sondern auch eine Symbolfigur des internationalen Terrorismus. Hamadei und seine Kumpane hatten es im Juni 1985 geschafft, die Weltmacht Amerika vor den Fernsehzuschauern in aller Welt zu demütigen: durch das Bild des TWA-Piloten, der aus dem Cockpit seines Flugzeuges mitteilen mußte, die hijacker meinten es durchaus ernst. Die Entführer zwangen Washington zur Kapitulation: Ihre Geiseln kamen erst frei, nachdem Israel unter amerikanischem Druck Hunderte libanesischer Schiiten aus der Gefangenschaft entließ.