Die beiden Hauptdarsteller, schwarz gekleidet, weiß geschminkt wie alle Spieler, taumeln an die Rampe im Bremer Schauspielhaus, starren ins Publikum und keuchen: „Das ist ja wie im Panoptikum.“ Der Satz läßt sich sofort verstehen als Etikett, mit dem der vor allem als Film- und Opern-Regisseur bekannte Werner Schroeter seine Inszenierung von August Strindbergs Komödie „Rausch“ (1899) in eine total veränderte Welt schickt. In einer zweieinviertel Stunden kurzen Aufführung ohne Pause stellt er ein keineswegs gelungenes, doch interessantes Werk des großen Seelen-Forschers und Dramatikers aus Schweden vor, das in Deutschland vor sechzig, siebzig Jahren oft auf die Bühne gekommen ist.

Kriminalstück? Dafür sprechen neben dem rätselhaften Tod eines Kindes auch ein Kommissar und zwei Detektive im Personenverzeichnis.

Mysterienspiel? Das läßt ein namenloser Seelsorger vermuten, „Der Abbé“ genannt. Der faltet in diesem Spiel aus dem Boheme-Milieu des Paris der Jahrhundertwende die Hände und tröstet die im Liebes- und Kunst-Rausch Verblendeten immer wieder mit dem unkirchlich weitherzigen Wort: „Das ist nicht Menschenwerk.“

Ehe-Drama? Der Schriftsteller Maurice erlebt nach Jahren der Armut den großen Triumph. Er wendet sich von der langjährigen Freundin Jeanne, einem Mädchen aus der Arbeiterklasse, ab, das für ihn gesorgt, ihm ein Kind geboren hat – den „Künstler“ in ihm, wie er meint, aber nicht „versteht“.

Tragödie der Liebe? Maurice trifft am Abend seines Erfolges die Geliebte seines Freundes Adolphe, die junge Bildhauerin Henriette. Im Liebes-Rausch der Premieren-Nacht kann er sein Leben, sein Werk, die Gefährtin vieler Jahre vergessen, nicht aber Marion, die fünfjährige Tochter. Das Kind schiebt sich zwischen den Erfolgs-Dramatiker und die ihn anhimmelnde Verehrerin. Im Lauf einer Nacht kehrt sich Liebe in Haß.

Läuterungs-Drama? Im ersten Rausch neuer Liebe wünschen Maurice und Henriette, das Kind stünde nicht zwischen ihnen. Am andern Morgen ist Marion tot. Maurice und die neue Geliebte geraten unter Mordverdacht. Doch dann stellt sich heraus: das Kind ist eines natürlichen Todes gestorben. Da aber haben sich die von ihrer Liebe Berauschten ernüchtert schon auseinandergelebt. Henriette, die Möchtegern-Bildhauerin, kehrt zu ihrer Familie, Maurice in die Arme seiner alten Freundin Jeanne zurück. Doch hat ihm die Nacht im Untersuchungsgefängnis die Augen geöffnet: Was sind Liebe, Ruhm, irdisches Glück gegenüber himmlischen Freuden, Jenseits-Trost, Gott? Und so beschert der Dramatiker, der in Paris gerade seine als „Inferno-Krise“ berühmt-berüchtigt gewordene Lebens- und Schaffens-Not überstanden hat, sich selber und dem Publikum diese (von ihm selber als „banal“, aber zweckmäßig erkannte) Lösung: „Um acht Uhr ins Theater. Um neun in die Kirche.“

Was ist dieser Vierakter, der in seiner gehetzten Sprache expressionistisches Theater vorwegnimmt, die Herkunft vom Naturalismus nicht leugnet, mit Zeichen und Assoziationen des Symbolismus spielt, gern mystisch raunt und surrealistisch kühn mit christlichen Elementen mischt? „Komödie“ nennt Strindberg das Werk, das dem Stationen-Drama „Nach Damaskus“ und dem „Mysterium“ mit dem Titel „Advent“ folgt und das „Passionsspiel“ „Ostern“ vorbereitet. Unter allgemeinem Gelächter finden der „Rausch“-Held und seine helfenden Begleiter, der Abbé, die Wirtin, der Freund, die „Lösung“, den Kompromiß zwischen irdischem Leben als Schriftsteller und himmlischer Existenz als Büßer. Denn Maurice hat erkannt: Gedanken-Sünden können so wirklich sein wie tatsächlich begangene Fehltritte. Er hat sein Kind aus der Welt gewünscht. Dieses Gedanken-Verbrechen wiegt so schwer, wiegt schwerer als die handgreifliche Tat: „Es gibt Verbrechen, die nicht im Gesetzbuch stehen. Das sind die schlimmsten: Wir müssen sie selber bestrafen“ – so heißt es in Heiner Gimmlers neuer Übersetzung. Davon spricht der Original-Titel: „Verbrechen und Verbrechen“ oder die Titel-Variante: „Vor einem höheren Gericht.“