Die Heilpraktiker, verhaßter und verehrter Berufsstand, wollen in den gelben Seiten der Telephonbücher ein bißchen mehr Reklame machen. Das erlauben ihnen neuerdings auch die Gerichte. Der Berufsverband „Freie Heilpraktiker e. V.“ bittet die Redaktionen, sich nicht von „anderslautenden Meldungen“ beirren zu lassen. Drei Urteile von Oberlandesgerichten gestatten den Heilpraktikern, in Telephonbüchern „in bestimmtem Umfange auf Sprechzeiten und Diagnose- und Therapieverfahren hinzuweisen“.

So werden sich jetzt wohl die Bachsche Blütentherapie, Hypnose, Akupunktur, Gelenk- und Wirbelsäulenbehandlung oder gar eine Aromatherapie empfehlen. Die Sprechzeiten und der Heilpraktiker, der Gesprächstherapien anbietet, sind nun wohl häufiger fett zu lesen. Die Ärzte und – weniger hörbar – die Anwälte und andere standesrechtlich geknechtete Berufe mit Werbeverbot werden mit den Zähnen knirschen. Denn werben möchten sie eigentlich alle gern. Die Dämme der vornehmen Zurückhaltung haben längst Risse.

Daß diese Dämme nun gerade beim ärztlich mit Inbrunst verachteten Heilpraktikerberuf brechen, wird böses Blut machen. Heilpraktiker sind nach der gesetzlichen Definition alle jene, die berufsmäßig (mit staatlicher Erlaubnis) die Heilkunde ausüben, ohne Arzt zu sein. Es gibt schätzungsweise achtmal so viel Ärzte wie Heilpraktiker. Die staatliche Erlaubnis, als Heilpraktiker zu werkeln, setzt weder eine medizinische Ausbildung noch den Nachweis ärztlicher Fachkenntnisse voraus. Das Gesundheitsamt hat lediglich festzustellen, daß von der „Ausübung der Heilkunde“ keine Gefahr für die Volksgesundheit ausgeht. Abgelehnt wird ein Bewerber auch, wenn er keine „sittliche Zuverlässigkeit“ besitzt.

Die Nazis fanden diesen Beruf unordentlich und wollten ihn mit dem Heilpraktikergesetz 1939 gerade austrocknen. Aber durch das Grundgesetz lebten Berufsfreiheit und „Kurierfreiheit“ (die Freiheit, andere zu kurieren) wieder auf, und nun war das zunächst feindselige Heilpraktikergesetz plötzlich die Rechtsgrundlage für den Heilpraktikerberuf. Daß der Hitlerstaat sie aufräumen wollte, kommt den Heilpraktikern heute sehr zustatten. Ihre Zahl steigt zudem schneller als die der Ärzte. Der Konkurrenzdruck zur Schulmedizin ist groß, und so will man zum Wohl der Allgemeinheit eben mehr werben.

Die Ärzte, die für Konkurrenzdruck ebenfalls feinfühling sind, ärgern sich. Bei ihnen spielt die Volksgesundheit eine strengere Rolle. Sie dürfen nicht nur keine Gefahr für dieses Rechtsgut sein, sie müssen sie sogar fördern. Daher ist ihnen jegliche Werbung und Selbstanpreisung untersagt; Das strenge Verbot diene dem Schutz der Volksgesundheit „und entspricht außerdem der Natur des ärztlichen Berufes als freier Beruf“, so das Lexikon des Arztrechts aus dem Verlag de Gruyter. Danach soll für den Arztberuf der Verzicht auf Werbung „eines der Wesensmerkmale“ darstellen. Die Ärztekammern sind streng und rücken selbst kleinsten Verstößen sofort energisch zu Leibe.

Mit Mühe haben es Ärzte erreicht, daß das Bundesverfassungsgericht unwirsch die dicksten Maulkörbe der Ärztekammern beseitigte. Ein Arzt hatte ein Buch, „Sieg über das Altern“ – mit autobiographischem Inhalt – geschrieben. Ein anderer hatte für sein „Privatsanatorium für Frischzellenbehandlungen Dr. med. S. B. Bei allen Abnutzungserscheinungen, Verschleißerkrankungen usw. 6-Tage-Kur“ geworben. Die Kammern standen Kopf. Karlsruhe aber hob die Verbote auf.

Die von den Ärzten als Quacksalber verschrienen Heilpraktiker, diese Parias der Schulmedizin, diese Hoffnung und Zuflucht enttäuschter Arztpatienten, ausgerechnet die dürfen nun also noch mehr werben. Beim Äskulap – da werden bald alle Dämme brechen! Hanno Kühnert