Von Uta van Steen

Oh, diese Superlative: Eines der gewaltigsten Autobahnkreuze Europas, das zweitgrößte deutsche Fußgängerzentrum, eine der gigantischsten Fertighausausstellungen der Republik, das riesigste Tierversuchslaboratorium weit und breit und, natürlich, die einzige fliegende Straßenbahn – keine dieser Attraktionen konnte Hermann Hesse gemeint haben mit seiner Feststellung, Wuppertal sei eine „grausig interessante Stadt“. Heine hat sich erst gar nicht zu einem ähnlich sibyllinischen Spruch verleiten lassen: Geschickt umging er in seinem „Wintermärchen“, auf dem Weg nach Unna, das katzenzungenlange Tal. Vielleicht hätte sich ein Abstecher aber gelohnt. Jahrzehnte später nämlich würdigte Heinrich Böll die spröde Wupperstadt als „Liebe auf den zweiten Blick“.

Überhaupt hat es Wuppertal mit der Zwei: Alles ist hier gleich doppelt vorhanden. Zweimal Kaufhof, zweimal Kauf- und Kunsthalle, zwei Rathäuser, zwei (ungemein ähnliche) Fußgängerzonen, zwei Bahnhöfe, zwei Dialekte. Schließlich ist Wuppertal keine richtige, keine gewachsene Stadt, sondern ein urbaner Zwitter. 1929 wurde es durch das „Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes“ aus den Städten Elberfeld und Barmen und einigen weiteren Orten zusammengeflickt. Gegen den Willen sämtlicher Beteiligten übrigens, die, als echte Protestanten im Protest geübt, dagegen heftigst rebellierten. Und so leben sie seit über fünfzig Jahren nebeneinander – die westfälischen, ernsthaften Barmer und die rheinischfröhlichen Elberfelder. Beide vermeiden allzu intime Berührungen und beschränken das Wir-Gefühl auf ein freudloses „Wuppdika“: jenen allesvereinensollenden, jüngst kreierten Schlachtruf des zu Recht keineswegs berühmten Wuppertaler Karnevals.

Doch zugegeben – es gibt Gemeinsamkeiten. Den Stolz, wenn eine Schweizer Kandidatin in „Wetten, daß?“ die kostbaren Uhren aus dem Uhrenmuseum am Bimmeln erkennt. Und die Tierliebe, insbesondere zu Dickhäutern (übrigens hat Genscher hier seinen Wahlkreis): Da wurde auch dem schwerblütigsten Banner warm ums Herz, als im letzten Herbst der „Club der Nilpferdfreunde“ tagte und ein Superaufgebot an Wuppertaler VIPs sich zu launigen Grußworten hinreißen ließ. Am Ende der Veranstaltung pilgerten die Feiernden frohgemut zum schönen Wuppertaler Zoo, um dem greisen Flußpferd Lina zu huldigen. Und dann natürlich Tuffi: der Star, der fliegende Elefant. Als PR-Gag für den Zirkus Althoff wurde das brave Tier, unter heftigem Sträuben vermutlich, anno 1950 in einen Waggon der Schwebebahn gestopft. Der deutsche Dumbo, wer wollte es ihm übelnehmen, sprang kurz vor der Adlerbrücke ab, die Wupper spritzte, Tuffi entstieg dem Wasser unlädiert und belebt seither die Ausführungen von Stadtchronisten. Die Zahl der Schwebewagenschaffner, die Augenzeuge des Stunts gewesen sein wollen, ist heute Legion.

„Schläft sie, meine Schöne? Träumt sie?“ So zärtlich, wie Helmut Schmidt über seine Vaterstadt redet, käme es dem Predigersproß Johannes Rau wohl niemals in den Sinn, von Wuppertal zu schwärmen. Schön? Bei Gott nicht, die Umgebung vielleicht. Und schlafen, träumen gar? In der alten Industriemetropole wurde und wird gearbeitet. Auch wenn die Barmer die Elberfelder als leichtfertig tadeln – die „Wuppertaler sind ein ernsthaftes und strebsames Volk“ (wie der einheimische Fabrikantensohn Engels befand): ruppig und polternd, aber ausgestattet mit leisem, verwinkeltem Humor. Viel Grund zum Lachen gab es nie für das bucklige Land hinter den Schneewittchenbergen: Das Leben war stets hart für die Weber und Bandwirker. Zum Elend wurde es, als die Industrialisierung sich mit Webmaschinen ankündigte.

Heute nennt sich Wuppertal gerne dynamisch und hat alles, wovon eine junge Stadt nur träumen kann – inklusive Opern- und Schauspielhaus, reichhaltigen Museen, betonierten Fußgängerzonen, dem Zoo, einer Unmenge von Gesangvereinen und der gläsernen Schwebebahnstation Ohligsmühle. Von früher ist nur wenig übriggeblieben. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man nicht von einer altehrwürdigen Trutzburg aus, sondern vom Großparkplatz der Gesamthochschule. Doch passiert man die 13 Schwebebahnkilometer des bergumsäumten Wuppertales, zeigen sich bisweilen verwachsene Fachwerkhäuschen, die sich bei den großen Bombenangriffen wohl nur trotzig geschüttelt haben – und aus purem westfälischem Starrsinn stehengeblieben sind.

Wuppertal klingt wie Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel – komisch zunächst. Im Talwesten, wo einst das Aspirin erfunden wurde und heute die 86 Jahre alte Schwebebahn durch die bizarre Fabriklandschaft des Industriegiganten Bayer kurvt, recken ein paar abgestorbene Bäume ihre Äste zu Posen wie denen der Tänzerinnen Pina Bauschs. Aber die Wupper bedeutete, schwarzgrau und schmutzig, immer auch Arbeit und Brot: An ihren Ufern legten die Garnbleicher ihre Tücher aus, in den Fluß leiteten die zahlreichen chemischen Fabriken die giftigen Abwässer.