Der Kanzler gilt als ein Dummi. Kohl-Witze grassieren – und sie alle zielen auf diesen wunden Punkt.

Aber das wissen wir ja: Die Plattköpfe sind – wie immer – auf alle Seiten gerecht verteilt. Und die Schweinehunde? Wohl auch. Freilich spielen sie nicht in jedem Verein immer gleich die Hauptrollen. Also rede ich lieber nicht von Parteien, ich meine diesen einen Menschen: Helmut Kohl.

Wir erinnern uns noch mit Kopfschütteln an des Kanzlers Goebbels-Gorbatschow-Vergleich. Nun vergleicht Kohl nicht nur, nein, er bezeichnet DDR-Knäste krud als Konzentrationslager. Und der Bonner Innenminister verteidigt seinen Kanzler, indem er ihn ins Monströse radikalisiert: die ganze DDR sei ein KZ. Sowas nenne ich faschistische Propaganda – oder ist eine solche brutale Verharmlosung der Naziverbrechen was andres? KZs, das sind Auschwitz und Birkenau, Buchenwald und Mauthausen – und KZs sind die stalinschen Lager des GULAG. Mögen andere von ihrer eignen Schande sprechen – für einen Deutschen ist das Wort Konzentrationslager ein deutsches Wort. Und wer, wie Kohl und Konsorten, Bautzen mit Auschwitz gleichsetzt, der verbreitet auf vertrackt verdrehte Weise die Nazi-Lüge von der sogenannten Auschwitz-Lüge.

Mein Vater saß seit 1937 als politisch Verfolgter im Gefängnis. Er war Schlosser-Maschinenbauer auf der Deutschen Werft. In dieser Zeit des spanischen Bürgerkrieges hatte er im Hamburger Hafen die deutschen Waffenlieferungen an Franco sabotiert.

Im Zuchthaus Bremen-Oslepshausen hätte mein Vater vielleicht bis zum Tag der Befreiung überleben können, so wie mein Freund Robert Havemann im Zuchthaus Brandenburg. Aber die Nazis waren offenbar auch gerecht denkende Menschen: Im Jahre ’43 säuberten sie ihre Gefängnisse von Juden. Warum, dachten sie wohl, soll ein jüdischer Kommunist, der gegen uns gekämpft hat und dafür im Gefängnis sitzt, länger leben, als all diese neuen harmlosen Juden, die wir längst deportiert haben ... Die Hamburger Juden waren alle schon ein Jahr vorher in die KZs geschickt worden: die Eltern meines Vaters, John und Luise Biermann, seine Schwester Rosi, sein Bruder Kalli und dessen Frau und all ihre Kinder. Meine Cousins mit dem Judenstern auf dem Mäntelchen. Und kein einziger von denen hat es überlebt. Sogar in der schlimmsten Nazizeit wäre es ein Fehler gewesen, Gefängnisse einfach mit Konzentrationslagern gleichzusetzen. Wer, wie Kohl, so was heute macht, macht keinen Fehler, er begeht ein Verbrechen, denn er verhöhnt Millionen Nazi-Opfer und die wenigen Überlebenden noch dazu.

Ich ertrag’ es, aber es ist unerträglich. Uns stockt das Herz bei jeder neuen Ungeheuerlichkeit dieser finsteren Frohnatur von der Pfalz. Gleichzeitig gewinnt die CDU an Stimmen, und die Popularität Kohls bei den Wählern steigt. Na dann Gute Nacht, liebes Deutschland! Hegel sagte: Das Notwendige setzt sich immer zufällig durch. Kohls Ausrutscher sind keine Ausrutscher. Und daß er mit dieser Politik Stimmen fängt, ist auch kein Zufall. Was kann man also tun?

Wie ratlos mich all das macht, erkennst Du daran: Ich wähle die GRÜNEN.