Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte; in ihrem Kreise liegt die ganze moralische Welt. Durch alle Zustände, die der Mensch erlebte, durch alle abwechselnden Gestalten der Meinung, durch seine Torheit und Weisheit, seine Verschlimmerung und seine Veredlung, begleitet sie ihn; von allem, was er sich nahm und gab, muß sie Rechenschaft ablegen“: Das sind Sätze aus Schillers akademischer Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“, einer Ansprache, deren Weisheit, Urbanität und Witz zu bewundern gerade in einem Augenblick tröstlich und notwendig ist, da Historiker verschiedener Couleur, Studierte und Dilettanten, listige Ideologen und tolpatschige Nachredner, zu verstehen geben, daß wir gut daran täten, uns um „ein paar meckernde Juden“ und „Vergangenheitsbewältiger“ mit ihrer ewig wiederholten „Dauerbüßeraufgabe“ nicht länger zu kümmern.

Schluß endlich mit Auschwitz, heißt die Devise, Schluß mit der Mißachtung jener Soldaten (SS-Leute eingeschlossen), deren Todesbereitschaft und beispielhaften Courage die Menschen diesseits der Mauer es schließlich verdankten, in Freiheit und nicht in einem Konzentrationslager sowjetischer Bauart zu sitzen.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein: Der Antikommunismus garantiert Kontinuität und stellt, identifikationsmächtig, Verbindungen zwischen der Bundesrepublik und jenem Hitler-Staat her, dessen Bosheiten auf stalinistische Vorbilder zurückführbar seien. Auschwitz als Nachahmung vorgegebener Muster. Die Deutschen als arme Imitatoren, auf deren Schuldkonto allein die technische Perfektion der Vernichtungsmaßnahmen (Gas statt der Gewehre) gehöre.

Kaum ausgesprochen, in einer Frankfurter Zeitung – und schon, von einer bayerischen Staatsregierung, umgeprägt in politische Münze. Man lehne es ab, wurde aus München erklärt, sich finanziell an einer Jugendbegegnungsstätte auf dem Boden des ehemaligen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau zu beteiligen. Gedenktreffen zwischen Deutschen und Polen möge, samt der Tagungsstätte, gefälligst der Bund finanzieren; der Freistaat Bayern sei, aus verfassungsrechtlichen Gründen, mit dem Projekt nicht zu befassen.

Das muß man zweimal lesen; das will, Wort für Wort, buchstabiert sein, um die Ungeheuerlichkeit solchen Vorgangs recht zu begreifen: Keinen roten Heller, aus Bayern, für ein beispielgebendes Werk des Eingedenkens und der Versöhnung. Wie trefflich paßt da eins zum anderen: Ein Hitler-Film, der, sieht man von winzigen Sequenzen ab, den zur „Endlösung“ führenden Antisemitismus verschweigt, ein Großreinemachen von Seiten konservativer Historiker, das den Sowjets als „ersten Erfindern“ zuschiebt, was in Wahrheit den Deutschen gebührt, und derart Geschichte verfälscht.

Wie hatte doch Schiller anno 1789 gesagt und geschrieben? Alle Zustände, alles, was der Mensch sich nahm und gab, die ganze moralische Welt gehörten in den Bereich einer der Wahrheit verpflichteten Historiographie. Alles, das heißt, zwei Jahrhunderte, nach Schillers Antrittsrede: Weimar und Buchenwald, das Drama „Nathan der Weise“ und der Film „Jud Süß“. Schillers Weltbürgerlichkeit und deren Zurücknahme im Zeichen einer mörderischen „Vaterlandsliebe“.

„Die Schranken sind durchbrochen, welche Staaten und Nationen in feindseligem Egoismus absonderten. Alle denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band, und alles Licht seines Jahrhunderts kann nunmehr den Geist eines neuen Galilei und Erasmus bescheinen“: ja, so hat einmal ein deutscher Poet, Philosoph und Historiker gesprochen – Schiller, der Anwalt des Kosmopolitismus und der Philanthropie, ein Mann, dessen Werk jedem Betrachter vor Augen stehen sollte, der nach Bundesgenossen sucht, Helfern, die ihn befähigen, die ganze Erbärmlichkeit der Neo-Nationalisten, mit ihrer von keiner Aufklärung berührten Denkweise und ihrem Kult von beliebig herbeizuzaubernden Sekundärtugenden zu entlarven.