Von Margrit Gerste

Volle Säle, überfüllte Gaststuben, wo immer Rita Süssmuth hinkommt. Schneegestöber und klirrende Kälte verkleinern die Neugier der Menschen, meist Frauen, nicht, und am Ende wird sie stets mit großer Sympathie entlassen. Die guten Noten, die man ihr erteilt, heißen: Glaubwürdigkeit und Kompetenz, Mutter einer Tochter – kurz: die beste Wahl des Helmut Kohl.

Sie ist eine der unseren, sagen die Unionsfrauen; sie sagt auch uns Männern deutliche Worte, befinden diese, lachen leicht irritiert und spenden ihnen Beifall.

Entgegen aller anderslautenden Verdächtigungen: Rita Süssmuth und die moderne CDU, wie sie Biedenkopf und Geißler erdacht haben, passen gut zusammen. Und wenn da manches kühn und radikal klingt, dann vor allem deshalb, weil die CDU in Sachen Frauen enorm rückständig war und nun unter großem Zeitdruck aufholt, gerade so, als hätte sie den Feminismus entdeckt.

Modern sein heißt, wieder wählbar werden für die jungen Frauen mit ihren emanzipatorischen Bedürfnissen, heißt, sich für Teile des von der Frauenbewegung Erdachten und Erkämpften zu öffnen – ohne die eigenen konservativen Weite aufzugeben. Und das sind die Familie, die Ehe. Mit fast missionarischem Einsatz, dabei immer auch nachdenklich, einfühlsam und fordernd, einwirft Rita Süssmuth ihr Bild von der Familie: partnerschaftlich und gleichberechtigt; Väter sind wichtig; Familienarbeit muß uns ebensoviel wert sein wie Erwerbsarbeit; "wir fördern die Berufstätigkeit von Frauen, aber wir wollen auch Zeit für Familien". Von Politik und Wirtschaft fordert sie sehr entschieden kostspielige Rahmenbedingungen ein, um die Familie zu entlasten und den Müttern gleiches Recht in allen öffentlichen und privaten Lebensbereichen zu verschaffen.

Die Familie, Mütter, die ihren Kindern Zukunft und Hoffnung geben sollen – "wie können sie das, wenn wir sie als Menschen zweiter Klasse behandeln?" – sie müssen gefördert, ihre Wünsche "besser mit der Umwelt abgestimmt werden". Als Menschen, sagt Rita Süssmuth, "sind wir auf kleine Lebenseinheiten und Gemeinschaften angewiesen. Die großen Solidargemeinschaften sind kein Ersatz für persönliche Zuwendung".

"Familienpolitik", meinte die Ministerin, als sie ihr schwieriges Amt Ende 1985 antrat, "muß unter Frauenaspekten ganz neu bewertet werden." Das tut sie, gewinnt dabei auch den Respekt von Feministinnen – und weckt Ängste bei den Männern. "Frauenpolitik", so fuhr sie fort, "ist aber viel mehr als nur Familienpolitik". Davon ist heute kaum noch etwas zu hören. Familie, immer wieder Familie beherrscht ihre Reden. Längst haben Menschen die Brüchigkeit von Ehe und Familie erfahren; geblieben aber ist ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, Gemeinschaft, Füreinanderdasein, auch Kinder haben – eben Zukunft, auch in einer Welt, in der Unsicherheit und Angst herrschen. Viel Anpassung, viel Flexibilität wird den Menschen unter den sich wandelnden technologischwirtschaftlichen Bedingungen abverlangt werden. Da gilt es, die Ehe, die Familie als Stabilisator und Ordnungsfaktor zu erhalten und neu, sozusagen postmodern, zu gestalten. Da gilt es, um es human und eher Süssmuth-gerecht auszudrücken, den hohen Gefühlswert mit dem emanzipatorischen Anspruch der Frauen zu versöhnen.