Wolfgang Leppmann: „Gerhart Hauptmann

Der Auftakt ist originell: Gherardo Hauptmann, Scultore, Via degli Incurabili, Roma, beim vergeblichen Versuch, den Zusammenbruch einer Kolossalstatue aus Ton aufzuhalten, zehn Zentner schwer. Fünfeinhalb Jahre später war der unglückliche Künstler berühmt, als „Hauptmann der schwarzen Realistenbande“. Wolfgang Leppmann, Professor für Germanistik an der Universität von Oregon, hat „Leben, Werk und Zeit“ unseres „letzten Klassikers“ beschrieben, vor allem dessen Jugend, den ersten Ruhm und die Frauengeschichten (Scherz Verlag, Bern/ München 1986; 415 S., Abb., 39,50 DM). An der Affäre mit Ida Orloff ist er auch persönlich interessiert. Hauptmanns „Iduschka“ wurde nämlich später Leppmanns Mutter. Alterswerk und Drittes Reich erscheinen stark verkürzt. Keine Rede vom Nachruhm, mit dem Begräbnis vor vierzig Jahren ist Schluß. Ab und zu eine Umakzentuierung, aber nichts Wesentliches. Trotzdem: eine brauchbare, derzeit konkurrenzlose Darstellung. Man muß freilich bejahrte Floskeln wie „Dunstkreis“ Goethes, „erwachende Lebensgeister“, „dichterische Gaben“ und „literarische Gehversuche“ in Kauf nehmen. Studium soll „bewerkstelligt“ werden, Rettung „erfolgt“, Novellen werden „fertiggestellt“, doch der Autor „bezieht“ dann immer noch „keine Einkünfte durch seine Feder“. Auffällig ist Leppmanns Neigung zu rhetorischen Fragen. Sie bleiben sämtlich ohne Antwort. Hans Daiber

Robert Pinget: „Monsieur Traum“

Man brilliere in einer Gattung nur in dem Maße, in dem man sie nicht liebt, behauptet Monsieur Traum. Wenn er seine illustre Existenz vielleicht nicht gerade der Nichtliebe von Robert Pinget verdankt, so doch dessen absichtslosem Kritzeln. „Eine Zerstreuung“ nennt der 1919 in Genf geborene Autor im Dunstkreis des nouveau roman diese Prosaminiaturen, durch die der schrullige Herr geistert: Entspannungsübungen nach dem tagtäglichen metier de chien. Daß bei Pingets Zerstreuung nur ein zerstreuter Monsieur Traum entstehen kann, versteht sich dabei fast von selbst. Ein liebenswerter Tolpatsch ist dieser Schriftsteller im Ruhestand. Und zugleich entkommt er, als passionierter Briefeschreiber und Heftvollschmierer, nicht dem Drang, Sätze aufs Papier zu bringen: ein träges Gewohnheitstier von unbestimmtem Alter, zum Haareausraufen vergeßlich, aber bald jenseits von Gut und Böse. Das alter ego seines Dichtervaters, dessen senil gewordener Pinocchio, die eigene Variete-Ausgabe. Monsieur Traum besitzt ein Haus am Meer, nervt dort Haushälterin und Nichte, züchtet nebenan Karotten und entdeckt eines Tages „mit Betroffenheit und Bestürzung“, daß er nie dort ist, wo er sich befindet. Das, denkt er, und er denkt viel, muß eine Folge seiner Bejahrtheit sein: „Altern bedeutet, mehr und mehr abwesend zu sein.“ Er wälzt Probleme der Erinnerung, verfängt sich in logischem Gestrüpp, fällt über selbstgelegte Schlingen und mausert sich zum Meister paradoxer Einsichten und verquerer Aphorismen. Wahlspruch: „Um aus einer Sackgasse herauszukommen, muß man eine andere nehmen.“ Von neuem rollt er den endlosen Gerichtsprozeß zwischen Kunst und Leben auf und findet wieder keine Lösung für die verhängnisvolle Beziehung von „Liebe zu den Sätzen“ und „Unliebe zu den Menschen“. „Monsieur Traum“ (Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1986; 121 S., 16,80 DM) variiert die Themen von Pingets vermeintlich seriösen Romanen mit lässiger Virtuosität. Die Zuversicht, die Pinget mit dem Amüsement der Leser verbinden darf: Manchen Koch lernt man über das Dessert erst richtig schätzen. Gregor Dotzauer

„Wählen – aber wen?“

Dieter Gütt hat Schriftsteller gefragt, „welche Partei sie bei der Bundestagswahl am 25. Januar 1987 wählen werden und warum, welche politischen Forderungen sie haben und was sie ändern, würden, stünden sie in politischer Verantwortung“ (Gruner + Jahr, Hamburg 1986; 192 S., 12,80 DM). Rolf Hochhuth wird („wie sonst auch“) FDP wählen. Den Sozialdemokraten wollen Ralph Giordano („zähneknirschender als bisher schon), Günter Kunert („Man stimmt für ein Fossil, zu dem man persönliche Beziehungen zu haben glaubt“), Erich Loest („Bei der jüngsten Gemeindewahl kam ich in Versuchung, von meinen drei Stimmen eine heimlich vor mir selbst verborgen, den Grünen zuzuschanzen“) und Peter Rühmkorf („Bleib erschütterbar, wähl SPD“) die Stimme geben. Karin Struck wird diese Partei nicht wählen – denn das würde für sie bedeuten, „dem Chefarzt die Blumen zu bringen, nachdem Mutter und Hebamme ein Kind zur Welt gebracht haben“. Sie wird ebenso wie Luise Rinser („das ist doch ganz klar“) grün votieren. Bodo Morshäuser empfindet die Politiker unterschiedslos als „Fernsehmannequins der Macht“. Gabriele Wohmann, wenn sie, „gut abgefüllt“, über die „Absurdität sämtlicher Initiativen, sämtlicher Menschenhoffnungen“ nachsinnt, freut sich plötzlich über ihre „zeitgeschichtliche Nähe zur Apokalypse: Die Vollendung des einzelnen und der ganzen Schöpfung, das Eschaton – ich erblicke es ja bereits.“ Was Veränderungsvorschläge angeht: Luise Rinser „würde das ganze System ändern“; Erich Loest findet es, nachdem er gewisse Gesetzestaten erwogen hat, doch „besser, ich bleibe als Schriftsteller an meinem Schreibtisch“; Günter Kunert schließlich entdeckt überraschende Ähnlichkeiten zwischen dem Politiker und dem Autor: „Was immer einem zustößt, wird Mittel zum Zweck ... Feingefühl, Dezens, Moralität sind in der Politik Hemmnisse wie in der Literatur, in der bekanntlich das Zarteste, Verborgenste, das Heimlichste und Intimste des Menschen ans Licht gezogen und dem Leser vor Augen geführt wird. Insofern ist anzunehmen, daß ein Schriftsteller als Politiker sich weder anders verhalten noch etwas ändern würde.“

Adolf Fink