Von Dieter E. Zimmer

Herr Dr. Manfred Lohmann ging ins Kino. Er ging nicht, wie wir alle, zu Unterhaltung oder Belehrung. Er hatte dort Wichtigeres zu tun. Er nahm Anstoß. Es war aber nicht irgendein Kino, sondern der Vorführraum des Goethe-Instituts in Kuala Lumpur; und er nicht irgendein malaysischer Filmfreund, sondern ein Mann der Adenauer-Stiftung.

Was tut ein braver Staatsbürger, der Anstoß genommen hat? Geht er etwa zum Veranstalter, um ihm die Meinung zu geigen und bei der Gelegenheit vielleicht auch dessen Meinung anzuhören? Nein, er schreibt einen Beschwerdebrief, am besten an den anbetroffenen Chef, am allerbesten gleich nach Bonn. Der Dr. Lohmann wußte auch die richtigste Adresse: Er schrieb an den Chef der Mittlerorganisation Inter Nationes, die im Auftrag von Auswärtigem Amt und Bundespresseamt die deutschen Auslandsvertretungen und die Goethe-Häuser in aller Welt mit allerlei gedrucktem und gefilmtem Anschauungsmaterial über die Bundesrepublik versorgt.

„Gegen Abend sahen wir den Film ‚Das Ende des Regenbogens‘“, also schrieb der Dr. Lohmann nach Bonn. „Dieser Film spielt im Berliner Strichjungen-Milieu, strotzt von kruden Obszönitäten, zeigt minutenlange Geschlechtsverkehr-Szenen in diversen Stellungen, basiert auf einer durchgängigen Fäkalsprache ... Glorifizierung einer kaputten ‚Jugendkultur‘... Meine Frau und ich sowie mehrere Gäste verließen den Vorführraum angeekelt vor Ende des Films ...“ Dann kam er zur Sache: „Ist sich Inter Nationes nicht der negativen Wirkung solcher Filme auf das Deutschlandbild im Ausland bewußt?“ Und noch exklamativer: „Ein Skandal ist es, daß zur Propagierung solcher Filme im Ausland öffentliche Mittel verschwendet werden.“

*

Ehe wir, der Anzeige aus Malaysia nach, nun hinauf in die hohe Politik steigen, soll kurz Uwe Frießners „Das Ende des Regenbogens“ mit ein paar Worten bedacht werden, denn der Film selber kann sich ja nicht wehren, und wenn ein Werk erst einmal eine „Affäre“ ausgelöst hat, gerät es selbst meist völlig aus dem Blick. Das ist richtig: Er spielt im Berliner Strichjungen-Milieu. Er erzählt, wie ein etwa 16jähriger Streuner, Stricher und Gelegenheitsdieb, ein Junge, der zu Hause gelernt hat, daß man zurückschlagen muß, wenn man überleben will, doch noch in der Gesellschaft Fuß zu fassen sucht, dabei scheitert und sich schließlich das Leben nimmt – denn ungünstige Verhältnisse sind bekanntlich ein zusätzliches Handikap bei ihrer Überwindung. Aber „Glorifizierung einer kaputten Jugendkultur“? Das Gegenteil ist richtig. „Durchgängige Fäkalsprache“? Die jungen Leute sprechen, wie junge Leute in den Etagenklowohnungen von Berlin-Neukölln eben sprechen, sagen also immer mal wieder „geil, wa?“ oder „Scheiße“ – und daß sie dermaßen sprachlos sind, gereicht ihnen selber zu weiterem Nachteil. „Krude Obszönitäten“? kommen nicht vor. „Minutenlange Geschlechtsverkehr-Szenen in diversen Stellungen“? Es gibt nur eine, in nur einer Stellung, die im übrigen nur erahnbar ist, und die dauert knapp 40 Sekunden. Um ästhetische oder politische Vorlieben und Abneigungen geht es hier gar nicht. Wie nennt man das, wenn einer etwas mit falschen Behauptungen anschwärzt? Genau.

Womit indessen die Frage noch nicht beantwortet ist, ob solche Filme im Ausland gezeigt werden sollen, gar „mit öffentlichen Mitteln“. Es ist wahr, der Film leuchtet in einen ziemlich trüben Winkel von Deutschland – die Schneematschstraßen, Imbißkioske und Hinterhöfe am Kottbusser Tor entbehren jedes freudigen Glanzes. Aber es muß schon ein rechter Kinoanalphabet sein, wer einem einzelnen Spielfilm Auskünfte über „die deutsche Jugend“ insgesamt abverlangt und aus eines Jimmi Lehmanns Gebaren schnurstracks schließt, so seien sie alle. Und: Auch ein solcher Film, möchte ich behaupten, fördert ein „positives Deutschlandbild“. Er zeigt nämlich Deutschland als ein Land, in dem es Menschen gibt, Filmemacher zum Beispiel, die selbst den Ärmsten und Verachtetsten mit Fairneß und nüchterner Sympathie begegnen. Darum, meine ich, hat Inter Nationes den Film „Das Ende des Regenbogens“ nicht zu Unrecht und nicht zu unserm Schaden interessierten Goethe-Instituten in aller Welt zur Verfügung gestellt.