Von Andreas Kohlschütter

Der fast vergessene Krieg am Golf macht wieder Schlagzeilen. Iranische Truppen haben im Süden der Front Geländegewinne erzielt – wie groß sie sind, ist nicht genau bekannt.

Die Informationslage in der Schlacht am Schatt al Arab ist verworren und widersprüchlich. Beide Seiten veröffentlichen „Krematorium-Kommuniques“ über vernichtende Verluste des Gegners. Bagdad behauptet, seine Truppen hätten die letzte, am 9. Januar gestartete „Kerbala 5“-Offensive der Iraner rund zehn Kilometer von Basra gestoppt. „Alles unter Kontrolle“, verkünden die Iraker.

Teheran widerspricht mit immer neuen Erfolgsmeldungen, der Vormarsch auf die südirakische Hafenmetropole gehe ununterbrochen weiter. Die iranischen Angriffsspitzen sollen jetzt 500 Meter vor den östlichen Industrievororten stehen. Aufklärungssatelliten melden, so ist aus amerikanischen Quellen zu hören, Chomeinis Revolutionsgarden hätten den weit vorgeschobenen Festungswall um die Stadt noch nicht erreicht, die eigentliche Schlacht um Basra stehe erst noch bevor. Rein militärisch mag das zutreffen. Immerhin hat sich die iranische Ausgangslage für diese Schlacht – sollte sie je geschlagen werden – durch Errichten, Halten und kontinuierlichen Ausbau neuer Brückenköpfe auf irakischem Territorium am Schatt al Arab wesentlich verbessert.

Doch dieser militärische Erfolg scheint im Moment nicht die Hauptsache zu sein. Bei den Kämpfen vor Basras Toren steht jetzt mehr auf dem Spiel als bloß das übliche zähe Ringen um ein paar Geländekilometer. Eine Kriegswende liegt in der Luft: Noch wird die Militärfestung Basra gehalten, aber schon sind eine Million Einwohner dieser zweitgrößten irakischen Stadt auf der Flucht.

Augenzeugen berichten von einem panikartigen Massenexodus Richtung Norden. Der Korrespondent der Washington Post hat ein „praktisch menschenleeres“ Basra erlebt, durch dessen Straßen unter pausenlosem Artilleriebeschuß nur noch Militärkonvois und Frontambulanzen rasen. Die mit Sandsäcken verbarrikadierte Geisterstadt erinnert den Reporter an verlassene Westernkulissen eines Hollywooder „Freiluftstudios außer Betrieb“. In den Dörfern und Kleinstädten entlang der großen Überlandstraße nach Bagdad staut sich der Treck mit seinen endlosen Fahrzeugkolonnen. Flüchtlinge aus Basra erzählen, im Unterschied zu früheren iranischen Offensiven hätten die Behörden sie diesmal ungehindert ziehen lassen. Es sieht ganz so aus, als sei Chomeinis heiligen Kriegern bislang bei Basra zwar kein entscheidender militärischer Durchbruch, aber ein schwerwiegender psychologischer Einbruch in die irakische Abwehrfront gelungen. Sie haben Basra so in der Zange, daß von einer Beherrschung dieses strategischen Knotenpunktes auch ohne direkte Besetzung gesprochen werden kann. Dies sei auch gar nicht das Ziel der laufenden Operationen auf dem feindlichen Terrain, erklärte der die Kriegsregie führende Parlamentspräsident Rafsandschani in seiner jüngsten Teheraner Freitagspredigt. Das Ziel des Iran bleibt weiterhin die innere Zermürbung des Regimes von Saddam Hussein in Bagdad bis zum politischen Kollaps.

Diesem vorrangigen Ziel, den Kriegsstifter Saddam Hussein zu bestrafen und zu stürzen, ist Teheran ein Stück nähergerückt. Denn Basra ist für den Irak lebenswichtig, als südliche Klammer des Zweistromlandes, als Bevölkerungs-, Handels- und Industriezentrum, als Zugang zum Golf, aber auch als Nadelöhr, durch das die für die militärische und zivile Versorgung unentbehrliche Nachschubstraße von Kuwait läuft. Basra ist Ausgangspunkt der neugebauten, durch Saudi-Arabien ans Rote Meer führende Pipeline, über die ein guter Teil des Ölexports läuft, ohne dessen Erträge der Irak den Krieg nicht finanzieren kann. Es ist schwer vorstellbar, daß der psychologische Schock über die drohende Lähmung und die bereits vollzogene Entvölkerung in Bagdad ohne politische Wirkung bleibt.