Das Kino war fünf Jahre alt, als Hans Detlef Sierck geboren wurde, in Hamburg am 26. April 1900. Das Datum steht fest, der Rest ist Legende. Die Oma habe das Kind ins dunkle Lichtspielhaus gelockt, der Knabe sei dort sofort der schönen Asta Nielsen verfallen, habe das aber vor dem Vater verbergen müssen, weil der ein strenger Bildungsbürger war und die trivialen Vergnügungen der einfachen Leute verabscheute. Rainer Werner Fassbinder hat diese Sage kolportiert. Douglas Sirk, der stets danach strebte, alltägliche Schicksale in mythische Dimensionen zu heben, hat Fassbinder nie widersprochen.

Man erinnere sich an die Titel seiner Melodramen: „All I Desire“, „All That Heaven Allows“, „Written on the Wind“, „A Time to Love and a Time to Die“, Namen, die wie Verheißungen klingen. In Hollywood, wohin Sirk sich 1937 wandte, brauchte er mehr als zehn Jahre, um sich durchzusetzen. In Europa tat man sich lange Zeit schwer mit diesen Filmen: Wer nach Originalität stöbert, wer im Werk die Hinweise auf den Autor entdecken will, wird nichts finden. Sirk suchte die Universalität. Seine Konflikte waren so einfach konstruiert, daß jeder im Publikum eingeladen war zur Identifikation. Seine Figuren waren so groß, daß viel Platz blieb für die Projektionen der Zuschauer. Daß er diesen Figuren dennoch Leben einhauchte, darin offenbarte sich Sirks Genie.

„Entweder heult man, oder man kotzt“. Frieda Grafe hat die Wirkung von Sirks Melodramen knapp und präzise beschrieben: Man wird gepackt – und hat dennoch die Wahl. In „Written on the Wind“ etwa, Stiles schönsten Melodram, spielt Rock Hudson einen Musterknaben, Lauren Bacall eine tapfere Frau; die beiden sind die Guten. Robert Stadt und Dorothy Malone spielen ein verdorbenes, dekadentes Geschwisterpaar; sie sind die Bösen. Trotzdem darf man sich verlieben in Dorothy Malone, sich begeistern für Stack, darf Hudson eklig, Bacall widerlich finden. Sirks Melodramen, die lange als Machwerke der Beschwichtigung und Beschönigung galten, lassen ihren Zuschauern unverschämt viel Freiheit. Manche schimpften: Kitsch. Womit sie nur verrieten, daß ihre intellektuellen Barrieren der Kraft dieser Filme nicht standhielten.

A Time to Live: Douglas Sirk hat sie sich genommen. Am 15. Januar ist er in Lugano gestorben. Claudius Seidl