Der erste Eindruck hat gar nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun: Das hat’s also wirklich einmal gegeben, Professoren, die sich mit ihren Studenten ernsthaft beschäftigten, sie mit Namen ansprachen, bevor sie sich zum Examen meldeten. Fächer und Fakultäten, in denen man sich kannte und gemeinsam studierte, Universitäten also, von denen heute niemand zu träumen wagt.

Doch dann erscheint diese Abschweifung gar nicht mehr so unerlaubt. Vielleicht brauchte es solche Atmosphäre, um Originale im guten Sinne des Wortes hervorzubringen, Einzelgänger mit Teamgeist, voller Ideen und bei aller Knurrigkeit geduldig und erfahren genug, Jüngeren auf die Sprünge zu helfen bis hin zu der Bereitschaft, eigene Interessen zurückzustellen. Die Rede ist von dem 1911 geborenen Physiker Heinz Maier-Leibnitz, der von 1973-1979 als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft amtierte.

Eine Charakterisierung des nicht immer glatt zu lesenden, aber lohnenden Buches fällt nicht leicht. Natürlich ist es auch eine Biographie; die Autorin hat Maier-Leibnitz über viele Jahre hinweg oft gesprochen, mit ihm die Stätten seines Wirkens besucht, ehemalige Mitarbeiter ausgefragt und lange wörtliche Passagen übernommen. Ebenso ist es aber auch eine knappe Darstellung der experimentellen Physik und des neuen Fachgebiets Kernphysik, dem neuen Abenteuer der Wissenschaft im 20. Jahrhundert. Und zum dritten enthält es Exkurse zum Verhältnis der Wissenschaft zur Politik, zur Organisation wissenschaftlicher Arbeit, zum Lehrer-Schüler-Verhältnis. Keine einfache Form also, stets von den Extremen unkritischer Heldenverehrung oder platter Nacherzählung bedroht. Die Autorin ist diesem Dilemma entgangen, indem sie sich allmählich und, wie es scheint, nicht einmal bewußt in die Lehrer-Schüler-Ordnung einreihte, für die Maier-Leibnitz berühmt ist – ein Ordinarius, der Nobelpreisträger heranzog und einen großen Teil seines Lebens darauf verwandte, anderen ungestörtes und erfolgreiches Arbeiten zu ermöglichen.

Sich so führen lassend beschreibt sie Jugend und Studienjahre in Göttingen, die Folgen des Nationalsozialismus für Wissenschaftler, die aus rassischen Gründen emigrieren mußten oder der deutschen Physik nicht folgen konnten und wollten. Sie schildert Kernphysik in Heidelberg (1935 – 1952), die kleine Gemeinde der Eingeweihten, an die auch die Versuchung der Bombe herangetragen wurde. Aufbaujahre in München, die Bundesrepublik gewann wieder Anschluß an den internationalen Forschungs- und Experimentier-Standard. Höchstflußreaktor in Grenoble (1967 bis 1972): Die "Internationale" der frei Forschenden organisierte sich (wenn auch in bescheidenem Umfang). Der Schatten der Bombe verdunkelt allzuoft den Blick dafür, wie jung die Kernphysik ist, wie vergleichsweise klein die Gruppe derer, die sie begründeten und ausbauten.

Speziell die Mathematiker gefallen sich in dem überheblichen Spruch: "Wer nichts kann, wendet

Anne-Lydia Edingshaus: Heinz Maier-Leibnitz – Ein halbes Jahrhundert experimentelle Physik; R. Piper, München 1986; 307 S., 39,80 DM

an." Aber eine Theorie aufzustellen, ist eine Sache; sie im Experiment zu beweisen und die nötigen Apparate dafür zu entwickeln und zu bauen, durchaus eine andere. Maier-Leibnitz, in keiner Weise in seinem Selbstbewußtsein angekränkelt, läßt es ironisch immer wieder durchklingen, daß es dazu auch einer Art Bastlermentalität bedarf: mal probieren, was so geht, im Idealfall praktischer Ingenieur und theoretischer Physiker zu sein. Seine Schüler, die in dem Buch zu Wort kommen, beschreiben ihn zwar ganz anders, aber er selbst scheut das hohe Podest, auf das man ihn stellen könnte (obwohl ihm der Gedanke, keiner wollte es versuchen, offenkundig auch nicht gefällt); bei solchen Gelegenheiten rühmt er sich lieber – und zu Recht – seiner Kochkünste. Ein schwieriger Charakter, der auf diese Eigenart heimlich stolz ist, aber gekränkt reagieren würde, sobald es einer ausspricht.