Von Rolf Zundel

Bonn, im Januar

Die Nationalhymne kündigt ihn an, mit der Nationalhymne endet sein Auftritt. Dazwischen die Schilderung großer, gemeinsamer Leistungen; der Appell an patriotische Tugenden; die Warnung vor Aussteigern, Abseitsstehern, Miesmachern, Sozialisten; die Beschwörung des Wir-Gefühls aller Menschen guten Willens – kraftvolle Gemeinplätze, gnadenlos aufgetürmt, nicht kunstvoll, aber eine feste Mauer ums deutsche Gemüt: Es spricht der Bundeskanzler Helmut Kohl.

Die Organisation ist fast beängstigend perfekt, auch Frost und Schnee halten sie nicht auf. Die Busse rollen, die Säle sind voll, übervoll die meisten. Die Lautsprecheranlage ist so ausgelegt, daß die Wandertrupps der Störer keine Chance haben, dagegen anzukommen. Fast könnte man glauben, auch sie seien Teil der Organisation: zur abschreckenden Anschauung freigegeben; dünne Restbestände der sozialistischen Verirrung. Die Stimmung hat nichts mehr von der trotzig-verbissenen Behauptung gegen den sogenannten Zeitgeist, auch nichts mehr vom Aufbruch der letzten Bundestagswahl: Wir werden es packen. Die Union ist wieder dort angekommen, wo sie sich zu Hause fühlt, wo sie nach ihrem Verständnis hingehört – an der Macht. Der schwarz-rot-goldene Schal ist ein Renner. "Weiter so, Deutschland!"

Die Regie ist gut eingespielt. Immer ist die Berlin Big Band dabei mit gepflegtem Sound; locker wird der Klatschmarsch für den Einzug des Kanzlers geprobt. Ein Vorredner darf die Stimmung etwas anheizen, bis die Meldung kommt: Er ist da. Der Film läuft ab: "Unser Kanzler", hymnisch eingeführt; 6.53 Minuten, wie Kenner wissen, bis zum Auftritt. Kohl mit den Großen der Welt, mit Reagan, Mitterrand, Thatcher. "Vertrauen zurück? gewonnen", "wieder führende Industrienation", "stolz sein" dröhnen die Lautsprecher, gut ausgesteuert. Mutter Teresa und Boris Becker (Beifall) huschen durchs Bewußtsein. "Helmut Kohl mag Menschen."

Dann das Ritual des Einmarschs, das Meer des Jubels, das sich vor dem Kanzler mühsam teilt. Er läßt sich Zeit. Da ein Wort, dort ein Händedruck; es gibt wohl keine Parteiveranstaltung, auf der Kohl nicht alte Freunde trifft. Dann eilt er mit zügigen Schritten auf die Tribüne und ist dort angelangt, wo er auch nach seinem Verständnis hingehört: oben. Nicht, daß er der große Zauberer wäre, der die Massen zu Tränen rührte oder sie in taumelnde Begeisterung versetzte. Er steht da, ziemlich massiv, mit beiden Händen das Pult fest umgreifend. Keiner hat das Gefühl, daß da, wo er steht, noch Platz für andere wäre. Und sein Publikum findet das in Ordnung.

Wahrscheinlich ist kein Kanzler vor ihm so dauerhaft attackiert worden wie er. Natürlich haben auch seine Vorgänger Angriffe erlebt, Feindschaft und Haß erfahren, manche sogar mehr als Kohl. Adenauer reizte seine Kritiker zur Weißglut, bis sie die Contenance verloren, an Willy Brandt tobten sich die schlimmsten politischen Instinkte aus, aber beide wurden auch blind verehrt, sie waren für viele Kultfiguren. So hoch treibt Helmut Kohl die politische Temperatur nicht, seine Kritiker begegnen ihm mit penetrantem Mißvergnügen, mit langen Zähnen, wenn sie von ihm reden.