Erwägungen für Wechselwähler

Von Theo Sommer

Der Wahlkampf hat niemanden klüger gemacht, keinen wirklich bewegt oder erregt: ein Wahlkampf der Normalität, langweilig und weithin belanglos.

Ein Machtwechsel stand ohnehin nie zu erwarten. Westdeutsche Politik vollzieht sich in langen Zyklen, nicht in kurzen Wellen: Siebzehneinhalb Jahre regierte die Union in Bonn, dann kamen nach dem Zwischenspiel der Großen Koalition dreizehneinhalb Jahre sozialdemokratischer Kanzlerschaft. Nur eine nahende Katastrophe könnte dieses Grundmuster der Beständigkeit sprengen; doch die ist nirgendwo am Horizont auszumachen. Im übrigen spürt das Volk ganz richtig: Die Regierung hat ihre Sache nicht so schlecht gemacht, daß sie es verdiente, schon wieder davongejagt zu werden; und die Opposition hat ihre Sache nicht so gut gemacht, daß sie es verdiente, schon wieder an die Macht zu kommen. An dieser Grundstimmung bricht sich die künstliche Aufgeregtheit der Parteistrategen.

Die Wahl 1987 mag eine Schicksalswahl sein für einzelne Abgeordnete, fürs Land ist sie es nicht. Die Wähler wissen das. Es steht nichts auf Spitz’ und Knopf; es gibt nicht eine alles beherrschende, große Frage, von der die Zukunft abhinge; ausgereifte Lösungsvorschläge aber für die vielen akuten oder bald akut werdenden Probleme hat derzeit keine Partei zu bieten. Das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Lagern können die Wählerinnen und Wähler diesmal nicht umstoßen, höchstens die Gewichte innerhalb der Waagschalen von Koalition und Opposition anders verteilen.

Dies ist denn die Stunde des wägenden Wählers – jenes Wählers, der seine Stimme nicht in Minder, unwandelbarer Loyalität zu einer bestimmten Partei abgibt, sondern der sich von Fall zu Fall entscheidet und eigene Prioritäten setzt.

Welche Überlegungen könnten diesem Wähler durch den Kopf gehen, wenn er sich vor der Wahl 1987 die politische Landschaft betrachtet?