Was ist das Geheimnis der Neuen Zürcher Zeitung? Das Schweizer Blatt besitzt eigentlich nichts, was den Leser auf den ersten Blick anziehen könnte. Es ist eher schwerfällig, umständlich und konservativ. Es besitzt nicht den Eifer moralisierender Identitätssuche und pathetischer Sinnstiftung, wie ihn deutsche Zeitungen ähnlicher Provenienz entwickeln, auch nicht deren Neigung zu versteckter Polemik und Manipulation bis in die Nachrichten-Formulierungen hinein. Es erscheint nicht bemüht, weder spannend, noch allzu farbig. Und dennoch versteht es die NZZ, Leser aller Couleur, die in deutschsprachigen Tageszeitungen solide Hintergruridinformationen suchen, wenn schon nicht in ihren Bann, so doch in ihr Vertrauen zu ziehen. Eine Erklärung für diese Sonderrolle liefert

Reinhard Meier: Die Normalisierung Deutschlands – Bonner Protokolle und Reportagen aus der DDR; Vorwort von Golo Mann; Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1986; 224 S.; 40,– DM.

Der langjährige Moskauer und heutige Bonner Korrespondent der Schweizer Zeitung hat hier Analysen und Berichte, nur nach den Jahren von 1980 bis 1986 geordnet, sinnvoll zusammengefügt. Bei der lohnenden Lektüre stellt sich schnell heraus, daß das Geheimnis (dieses wie vieler NZZ-Korrespondenten) ein sehr schlichtes ist: Präzision verschafft dem Autor Atmosphäre (und nicht umgekehrt), Fairneß geht ihm über Verdächtigungen, Kompetenz über Indolenz. Gewiß, Reinhard Meier amüsiert, pointiert, brilliert nicht. Aber so möchte man informiert werden: voller Konzentration und Einfühlung, aber ohne gefühlige Einflußnahme und latente Stimmungsmache.

Das Urteil über die Bundesrepublik und die DDR, das auf diese Weise zustande kommt, gibt – man mag das betrüblich oder auch beruhigend finden – zu wenig Aufregung Anlaß. Das gilt von Straussens Griff nach der Kanzlerkandidatur (1979) bis zu Sindermann in Bonn (1986), von den Grünen bis zur SPD, über die der nüchterne Korrespondent des konservativen Blattes resümiert: "Doch bei aller Zwiespältigkeit einzelner Entscheidungen und einzelner Figuren in dieser Partei kann von einer Abkehr von der prowestlichen sozialdemokratischen Grundorientierung kaum die Rede sein."

Ein Buch der guten alten Schule dieser NZZ (von der sie heute leider nur in ihren Leitartikeln abweicht). Die Zielsetzung dieser Schule lautet, dem Leser Erkenntnisse und nicht Bekenntnisse zu vermitteln. Reinhard Meier ist das beispielhaft gelungen. Christian Schmidt-Häuer