Von Gunter Hofmann

Bonn, im Januar

In stillen Stunden spottet er so vergnügt, wie nur ein Lästermaul von Format das kann, am Wahlabend werde ein Ruck durch die Partei gehen. Hei, das wird ein Spaß! Oder er malt sich aus, wie es ablaufen wird im Erich-Ollenhauer-Haus, wenn er nach Schließung der Wahllokale kein „Kandidat“ mehr ist. Noch in der Nacht und am Montag wird das Präsidium Analysen anstellen, alles (und nichts) wird erklärt, wie es war und kam, das übliche Papierrascheln und Palavern, Bonn, wie Johannes Rau es herzlich verlacht. Wetten, daß er dann am liebsten ab 20.15 Uhr, sobald alles ungefähr feststeht, nach Düsseldorf aufbrechen und Skat spielen würde?

Seit 1958 führt Rau Wahlkämpfe, fast immer erfolgreich, stets aufwärts, aber einen Marathon wie diesen, ähnlich zermürbend und ohne Aussicht auf einen großen „Sieg“, hat er einfach noch nicht absolviert. Noch ein Auftritt vor der Presse in Bonn, die letzten Tage im Wahlsonderzug, Rau zählt jetzt buchstäblich die Stunden. Heiser geredet hat er sich und abgerackert, aber zugleich wirkt er erleichtert, offen, professionell und einfach auch witzig.

Ähnlich verhält er sich auf den letzten Stationen bei der Winterreise durch Deutschland. Als wäre spät, sehr spät Ballast von ihm gefallen, spricht er pointierter und unverkrampfter als zuvor. Es wirkt so, als müsse und wolle er das Unmögliche nicht mehr erzwingen, dieses Ziel der „absoluten Mehrheit“ für die SPD (bei einer Basis von 38,2 Prozent 1983); als müsse er sich nun nicht mehr vor jeder falschen Bewegung hüten; als könne er zufrieden sein, seine Aufgabe so schlecht gar nicht erledigt zu haben.

Die Alternativen, die zur Abstimmung stehen, treten nun klarer hervor als im vergangenen Jahr. Es geht nicht um ,,Schicksalswahlen“, weiß Rau, aber um die „Richtung“ der Politik. So sagt er es, so glaubt man’s ihm. Helmut Kohl, der Kanzler, habe die Mitte freigegeben; Rau scheint zu spüren, daß viele es ähnlich sehen.

„Gebrochene Versprechen sind gesprochene Verbrechen“, zitiert er irgendwo im Wahlkampf einmal seinen Vater, Kohl anklagend, mit einer Schärfe, die seine Partei bei ihm lange vermißt hat. Rau wollte den großen, unwahrscheinlichen Wechsel in Bonn, aber er lieferte nicht die große, entschiedene Begründung dafür.