In der sowjetischen Öffentlichkeit entsteht ein neues, schlimmes Bild von diesem Krieg

Von Johannes Grotzky

Moskau, im Januar

Igor Illin blickt dem Besucher mit fragenden Augen entgegen. Eine Haarsträhne hängt keck über der Stirn des bubenhaften Gesichts. Der Hemdskragen steht offen. Über den Lippen zeichnet sich der harte Ansatz eines Bartes ab. Igor Illin ist als Sowjetsoldat in Afghanistan gefallen. Er war gerade 19 Jahre alt. Sein Grab befindet sich in Peredelkino, einem kleinen Erholungsort, nur wenige Kilometer von Moskau entfernt. Ein übermannshoher, roter Granitstein, mit finanzieller Hilfe des Verteidigungsministeriums errichtet, steht über der letzten Ruhestätte. In den Stein sind das Porträt von Igor und seine Lebensdaten graviert: 8. 4. 1966 bis 19. 10. 1985.

Der Afghanistan-Kämpfer hat einen Sonderplatz auf dem Friedhof erhalten, abgezäunt von den anderen Toten; ringsum liegen nur Gräber von Parteimitgliedern, die sonst üblichen orthodoxen Kreuze fehlen. Hinter Igors Granitstein steht seit mehr als einem Jahr eine hölzerne Tafel. Sie weist den Besucher darauf hin, daß hier ein Obelisk errichtet werden soll zum Gedenken an die Soldaten, die „bei der Ausübung ihrer internationalen Pflicht gefallen sind“.

Szenenwechsel: eine Totenfeier im Krematorium des Donskoj-Friedhofs in Moskau. Eine Angestellte klärt die Hinterbliebenen darüber auf, daß die mitgebrachten Blumen an dieser Stätte nicht aufbewahrt werden können. Man möge die Gebinde doch deshalb bitte auf den Gräbern der gefallenen Afghanistan-Soldaten niederlegen.

Die Opfer, die der sowjetische Einmarsch in Afghanistan vor mehr als sieben Jahren inzwischen das Land gekostet hat, sind längst kein Tabuthema mehr. Der Tod in Afghanistan ist auch für die Sowjetgesellschaft bedrückende Gegenwart. Alle Argumente, mit denen der – wie es offiziell heißt – unerklärte Krieg begründet wird, finden in der Bevölkerung immer weniger Verständnis.