Missionare wollen sie nicht sein, sie predigen auch nicht den Himmel auf Erden. Doch allesamt werben sie für die nach ihrer Überzeugung beste aller Ordnungen: die Marktwirtschaft. Seit Monaten reißt die Kette deutscher Wirtschaftsfachleute nicht ab, die in China zum Thema Kapitalismus referieren. Und der Wissensdurst der Chinesen scheint immer größer zu werden. Jüngstes Beispiel: Professor Karl Schiller, ehemals sozialdemokratischer Wirtschafts- und Finanzminister, akzeptierte die Bitte, Peking künftig bei wirtschaftspolitischen Reformen zu beraten. Die Zielrichtung präzisierte Pekings Botschafter in der Bundesrepublik, Guo Fengmin, vor deutschen Wirtschaftsbossen: Sein Land wolle „Mechanismen der Marktwirtschaft“ einführen und die Entfaltungsmöglichkeit der Betriebe verbessern.

Erste Schritte auf diesem Weg haben die Chinesen bereits hinter sich. So klang es wie ein Glückwunsch, als Finanzminister Gerhard Stoltenberg im April 1986 vor Wirtschaftsfunktionären in Peking erklärte: „Wir halten den von der Volksrepublik China eingeschlagenen wirtschaftspolitischen Reformkurs für erfolgreich und vielversprechend.“

Stoltenberg fügte damals hinzu: „Es ist unübersehbar, daß die marktwirtschaftlich orientierten Reformen enorme wirtschaftliche Kräfte entfesselt haben.“ Möglicherweise auch schwer zu kontrollierende politische Forderungen, wie China-Kenner versichern. So Lorenz Schomerus, Leiter der Abteilung Außenwirtschaftspolitik und Entwicklungshilfe im Bonner Wirtschaftsministerium: „In China werden solche Dinge mit unglaublicher Offenheit diskutiert. Die politische Führung sieht, daß ein verändertes Wirtschaftsystem auch Änderungen für das politische System brächte.“

Unter Schomerus’ Koordination hat sich ein regelrechter Marktwirtschaftstourismus von der Bundesrepublik nach China entwickelt. Bereits 1979 unterzeichneten Peking und Bonn ein Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Eine ganze Reihe bundesdeutscher Spezialisten war bereits im Reich der Mitte als Werber für den Markt tätig. Etwa der Hamburger Ökonomie-Professor Armin Gutowski, sein Kollege Hans K. Schneider, zugleich Vorsitzender des Sachverständigenrats, Kartellamtspräsident Wolfgang Kartte oder Ernst Pieper, Vorstandsvorsitzender der bundeseigenen Salzgitter AG. Zu einem Privatissimum über moderne kapitalistische Geldpolitik wurden Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl und sein Vorgänger, der vor einigen Monaten verstorbene Otmar Emminger, von der Pekinger Regierung gebeten.

Im Sommer 1986 referierte Otto Wolff von Amerongen, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, vor der China Enterprises Management Association zum Thema „Unternehmensführung in der Wettbewerbswirtschaft“.

Der nächste Höhepunkt des deutschen Ideenexports wird bereits vorbereitet: Im Frühjahr organisiert die Bundesregierung in Peking ein mehrtägiges Seminar über die grundsätzlichen Mechanismen einer Marktwirtschaft.