Frédéric Chopin: „Klaviersonaten“

Von der unerbittlichen Eigenverantwortung und den daraus resultierenden künstlerischen Maßstäben rückt Maurizio Polini nun einmal nicht ab. Auch für die nun vorgelegten Chopin-Sonaten Nr. 2 b-moll op. 35 und Nr. 3 h-moll op. 58 hat er sich strengsten Anforderungen unterworfen. Es ist nicht Versponnenheit, daß er eine an das Idol Arturo Benedetti-Michelangeli erinnernde pianistische Perfektion zugrunde legt. Und es wäre reichlich unbedarft, solcherart exorbitante Tastenkunst mit dem abfälligen Rubrum zirzensischer Akrobatik ab zu tun: In der manuellen Bewältigung hat es bislang schwerlich Besseres gegeben. Daß Pollini Chopins aufgewühlte wie lyrisch zarte Seelenlandschaften mit der kühlen Noblesse und zuweilen eher distanzierten Sinnlichkeit eines Italieners durchstreift, mag nicht jedem behagen. Das Farbenspektrum indes, das er hinzufügt, hat in der Vielfalt an Valeurs und Anschlagsdelikatessen wenig Konkurrierendes entgegenzusetzen. Pollinis Geschmackskomponente und Spieldisziplin sind einmalig. (DG 415 346) P.F.