Kälte, immer "klirrend", und Schnee, immer "Gestöber", beherrschen meteorologisch und metaphorisch den Wahlkampf. Jetzt kommt auch noch die dicke Luft dazu, der Smog. Schon stehen Heere von Verbotsschildern in den Betriebshöfen der Städte stramm, bereit zum Abmarsch auf die Wege, auch die zu den Wahllokalen, und in den Rundfunkhäusern werden die Texte sämtlicher Alarmstufen geprobt. Stell dir vor, es ist Wahl, und keiner darf hingehen!

Das Wetter und die Weltgeschichte – da fällt uns doch gleich Napoleon vor Moskau ein, und so weiter. Das Wetter und diese Wahl, die angeblich zum Gähnen langweilig ist, weil eh schon Sieg und Niederlage feststünden – jetzt bekommt sie möglicherweise doch noch Schicksalsschwere. Wer bleibt denn lieber zu Hause in seinen warmen Püschen? Die leichtsinnigen Siegesgewissen und die kleinmütigen Vorab-Verlierer. Hochmotiviert dagegen kämpfen sich die Anhänger der kleinen Parteien zur Urne vor. Die einen trotzen dem Schnee, um mit ihrer Stimme die Ostpolitik zu retten, den Außenminister. Die anderen erinnern sich an den flotten Spruch ihrer Apo-Opas aus den kurzen Tagen des SDS, wie war das noch? Alle reden vom Wetter, wir nicht! Sie holen die praktischen Demoklamotten raus: Tränengasmaske, Helm, Tuch und die autonome Mütze. Da wäre doch wirklich noch schnell zu fordern, zur Rettung der Republik vom gelbgrünen Chaos; Vermummungsverbot an der Urne! All die "ordentlichen" Leute des Kanzlers aber seien an seine schlichten Wahrheiten aus dem winterlichen Wahlkampf erinnert: Wie froh wären "unsere Landsleute" drüben, wenn sie einmal frei und geheim wählen dürften, ob bei Schnee und Eis oder bei Pest in der Luft, ganz egal. Das macht uns mobil: Denen zeigen wir es!

So ähnlich denkt wohl auch Hans Magnus Enzensberger, er sagt dem Spiegel "Diese (hohe) Wahlbeteiligung (bei uns) ist ein Votum gegen den Einparteienstaat, gegen die Diktatur, die sich niemand zurückwünscht..." Der Wähler, die Wählerin als "Verhinderungskünstler". Ansonsten aber gehe es bei der Entscheidung zwischen Parteien um "Nuancen hygienischer Art", um "graduelle Unterschiede in der Peinlichkeit".

Ein Politiker sei jemand, der nichts dazugelernt habe. Die Regierung? Ohne Autorität. Die Rolle der Intellektuellen? Auch nicht mehr das, was sie mal war – "Gegen-Autorität". Bonner Tratsch, Bonner Ekel, Bonner Gerangel, und "die Regierung wird zum Papiertiger".

Dagegen stehen heute nach Enzensberger "10 000 Machtinstanzen in unserer Gesellschaft", von der Elterninitiative über amnesty bis zu Greenpeace, "eine undurchsichtige Gemengelage". "Aber wohin bewegt sich das Ganze, dieses große, weiche, empfindliche Ungeheuer, das wir Gesellschaft nennen, mit seinem weit verzweigten Gehirn?" fragt Enzensberger und antwortet: "Ich weiß es auch nicht, was es im Sinn hat, und deshalb muß ich ohne Optimismus und ohne Pessimismus auskommen."

Die Stimmung ist also schwankend, aber nicht übel unter unseren Intellektuellen, postmodernes Zeitgeistfeuilleton, das alles ein bißchen, nicht ganz falsch, relativiert, und, ganz falsch, verharmlost. Bonn und Ludwigshafen sind die Chiffren der Macht. Wo sonst werden die Raketen geordert, wird die Umwelt zerstört? Jenes Photo von den mutigen Greenpeace-Leuten, die bei Bayer in den Rhein springen, um Wasserproben zu entnehmen, weil der Konzern die Namen der eingeleiteten Gifte nicht herausrücken braucht, ist ein Bild der Ohnmacht. Margrit Gerste