Schlagzeile der Bild-Zeitung: „Berühmter Schriftsteller kämpfte gegen den Rollstuhl.“ Der amerikanische Romancier Joseph Heller, heißt es in dem Bericht aus dem August 1982, sei nach vier Jahren von einer Nervenlähmung genesen: durch eine Elektroschock-Behandlung. Die Krankheit habe ihn „Frau, Kinder und Millionen“ gekostet.

Die Krankheit gab es, und eine Zeitlang saß Heller auch wirklich im Rollstuhl. In dem Buch „Überhaupt nicht komisch“, das er zusammen mit einem Freund verfaßt hat, beschreibt der Romancier, wie ihn im Dezember 1981 von einem Tag auf den anderen eine recht seltene und lebensgefährliche Krankheit überfiel: das „Guillain-Barre-Syndrom“. Die Lähmung der Muskeln erfaßt nach und nach den ganzen Körper und kann zu Atemstillstand führen. Heller hatte Glück im Unglück: Ihm, der zeitweise keinen Bleistift mehr heben konnte, blieb ein Luftröhrenschnitt erspart, und im Sommer 1982 konnte er nach Hause zurückkehren. Es dauerte aber noch gut ein Jahr, bis er wieder einigermaßen sicher gehen, stehen und reden konnte.

Sonst stimmt an dem Bericht des deutschen Boulevardblatts so gut wie nichts. Heller hatte sich von seiner Frau lange vor Ausbruch der Krankheit getrennt, seine beiden Kinder besuchten ihn regelmäßig im Krankenhaus, die Arztrechnungen beliefen sich nicht auf Millionen (statt dessen auf mehrere zehntausend Dollar – der Schriftsteller hatte leider vergessen, die Versicherungsprämie in Höhe von 132 Dollar rechtzeitig zu bezahlen), und mit Elektroschocks ist er niemals behandelt worden.

„Überhaupt nicht komisch“ ist Hellers erstes autobiographisches Werk. Der Debütroman „Catch 22“ (von Mike Nichols verfilmt) hatte den Autor, der 1923 in Brooklyn geboren wurde, in den sechziger und siebziger Jahren weltberühmt gemacht; den zweiten Roman „Was geschah mit Slocum?“ wird man voraussichtlich immer noch lesen, wenn das meiste, was in der zweiten Jahrhunderthälfte geschrieben wurde, längst vergessen ist. Gegen diese Meisterwerke hatten es die folgenden beiden Romane „Gut wie Gold“ und „Weiß Gott“ schwer. „Weiß Gott“, Hellers vierter Roman, war schon weit gediehen, als der Autor krank wurde; er hat die Arbeit daran nach der Genesung fortgesetzt (das Buch erschien bei uns 1985).

Ein begnadeter Romancier, ein begabter Mitmensch: nicht nur seine Literatur, auch Heller selbst besitzt einen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Bericht „Überhaupt nicht komisch“ ist auch das Buch einer Freundschaft. Geschrieben wurde er von zwei Leuten: Heller und Speed Vogel. Der Co-Autor hatte noch nie eine Zeile veröffentlicht, bevor er den kranken Heller umsorgte und immer mehr in dessen Rolle schlüpfte: Er wohnte in Hellers Wohnung, beantwortete dessen Briefe, er füllte sogar Schecks für Heller aus. Vogel hatte auch die Idee zu diesem Buch. Seine Erfahrung mit der ungewohnten Schriftstellerei: „Schreiben, das wiederhole ich, ist einfach, aber lesen, was man geschrieben hat – Junge, Junge, das ist wirklich hart! Wenn man es wieder und wieder lesen muß, wird es zur Qual. Jetzt verstehe ich, was Schriftsteller meinen, wenn sie sich beklagen.“ Man kann dem jungen Talent im übrigen nur Respekt bezeugen: Auch im Schreiben hat er den Hellerschen Stil übernommen, gelegentlich übertrifft er den Meister mit Pointen. Auch in diesem Buch ist Heller übrigens kein Stückchen wehleidig.

Der eingangs zitierte Artikel jener Zeitung, die sich zum Glück nur selten mit Schriftstellern befaßt (wer selber dichtet, braucht die Dichter nicht), endet mit den Worten: „Sekretärin Valerie schreibt, was er diktiert. Sie hat zu ihm gehalten.“

Falsch! Die Wahrheit hat stets die besseren Pointen. Nicht die Sekretärin lebt heute mit Joseph Heller zusammen, sondern jene private Krankenschwester, die ihn fast von Anfang an betreut hat, Valerie Humphries, die kein Buch von ihm kannte, aber Heller sogleich für einen Schriftsteller hielt, weil er so viel Ähnlichkeit mit Norman Mailer hat. „Unterdessen hat sie alle meine Bücher gelesen“, behauptet Heller in „Überhaupt – nicht komisch“. „Auch weiß sie jetzt, daß ich viel, viel besser aussehe als Norman Mailer.“