Binnen Stunden könnte sich das auf die Bundestagswahl fixierte Szenario der Republik dramatisch wandeln. Während der Kanzler und der Oppositionsführer im Lande noch um letzte Stimmen warben, standen sie schon auf Abruf in den großen Bonner Krisenstab. Dort drohte ihnen, eine letzte Entscheidung über Leben und Tod abverlangt zu werden.

Die Bundesregierung weiß inzwischen, daß die Entführung des deutschen Repräsentanten der Hoechst-Werke in Beirut in erpresserischem Zusammenhang mit der Festnahme eines libanesischen Luftpiraten auf dem Frankfurter Flughafen steht. Damit zeichnet sich eine Lage ab, die der nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im Jahre 1977 vergleichbar, aber noch komplizierter und schlimmer ist. Auf dem Flughafen von Mogadischu konnten wenigstens die Geiseln befreit werden, nach deren Rettung Schleyer sterben mußte. In die Keller der Kidnapper von Beirut aber führt keine Spur.

Zudem: Wir werden wegen eines Täters erpreßt, der sich an amerikanischem Leben und Eigentum vergangen hat. Können wir uns der Verantwortung entziehen, indem wir ihn an Amerika ausliefern? Damit allein sicher nicht. Die Verantwortlichen in der Bundesrepublik sehen sich wieder einmal vor die verzweifelte Frage gestellt, ob der Staat herzlos oder hilflos reagieren soll. H. Sch.