Von Horst H. Schulz

August Ferdinand Wegschieder, Färber aus Braunschweig, ist endlich in Kanada angekommen: Am 12. Juni 1751 hat seine entbehrungsreiche Reise mit der Brigg „Gale“ ein Ende. In Merliguesch setzt er seinen Fuß auf Land.

Auch mich hat Nova Scotia, eine der östlichen Kanadaprovinzen, verzaubert. Doch der Ort heißt nicht mehr Merliguesch. Deutsch klingt es jetzt, fast wie Lüneburg: Lunenburg nämlich.

„Dieser Mister Wegschieder war einer der ersten aus Übersee, die hier ankamen, um zu siedeln“, erklärt Janet und hält mir die Mappe mit den Einwanderungslisten der Jahre 1751 bis 1753 unter die Nase – eintausendsiebenhundert insgesamt. Urkunden, Geburts- und Sterberegister, Landtitel, Gerichtsakten und notarielle Beglaubigungen liegen, vom Staub der Jahrhunderte gepudert, im Aktenschrank: eine Schatztruhe für Genealogen. Ich sitze im Lunenburger Stadtarchiv, und Janet, die ehrenamtlich arbeitende Archivarin, zeigt mir bereitwillig die papiernen Zeugen der Vergangenheit. „Die ersten Siedler kamen aus der Gegend von Lüneburg“, erklärt Janet, „man wollte die alte Heimat durch den Namen der neuen Stadt in Erinnerung behalten.“

Die erste Proklamation über Einwanderungsmöglichkeiten in diesem Teil der neuen Welt erscheint in Deutschland im Jahre 1750. Man könne sich an einen gewissen Mr. John (Johann) Dick oder dessen Agenten in „Frankfort on the Mayne“ wenden, der wiederum sei durch Johann Adam Ohenslage, Kapitän, neben der Sachsenhausener Brücke residierend, zu finden.

Hunderte Auswanderungswillige melden sich und sichern sich eine Passage nach Nova Scotia. Ihnen wird einiges versprochen: 25 Hektar Land pro Person, Steuerfreiheit für zehn Jahre, Waffen und Munition, Haushalt- und Landwirtschaftsgeräte, fünfhundert Ziegelsteine für den Hausbau und eine entsprechende Menge an Nägeln. Und das Land sei fruchtbar, mit allem Nötigen, um das Leben zu unterhalten, mit einer Küste reich an Fisch und gut gelegen, um Handel zu treiben. „Die Versprechungen wurden eingehalten“, sagt Janet, „und die Siedlung unter den Schutz der britischen Regierung gestellt.“

Jerome K. Jerome schrieb in seinem „Diary of a Pilgrimage“: „Die Deutschen lachen nicht oft, aber wenn, dann lachen sie laut. Sie sind langsam, aber das sind auch die tiefen Flüsse...“ Zu lachen hatten die Siedler zunächst freilich wenig. Harte Aufbaujahre standen ihnen bevor. Das in alter deutscher Schrift vom Ortspfarrer geführte „Verzeichnis der Begrabenen“ gibt Zeugnis von der Not der Lebenden und der Ursache des Todes: ertrunken, Typhus, im Streit erschlagen, vom fallenden Baum getroffen.