Von Carl-Christian Kaiser

Natürlich redeten alle vom Wetter. Zum Beispiel Hans Wallow, der sozialdemokratische Bewerber im Wahlkreis Ahrweiler, als ein quergerutschter Lastzug die Eifelautobahn versperrte, aber ein Polizist den Kandidaten erkannte und ausnahmsweise durchlotste. Oder Wallows Mitbewerberin von den Grünen, Heike Wilms-Kegel, als sie im fauchenden Eiswind auf dem nächtlichen Bahnsteig von Bingerbrück stand und erst ein außerplanmäßig haltender Intercity sie endlich mitnahm. Oder Richard Heinzel, CDU-Kandidat im Wahlkreis Unna im westlichen Westfalen, weil ihm auf dem Kamener Markt der beißende Frost binnen einer halben Stunde so sehr in die Fingerspitzen gekrochen war, daß ihm die Flugblätter aus der Hand fielen. Oder schließlich Herbert Tegenthoff, der freidemokratische Bewerber für Unna, als er sich im dichten Schneetreiben vorsichtig über die Autobahn nach Wuppertal tastete, vorbei an vielen liegengebliebenen Wagen, um bei der Kundgebung mit Genscher, Bangemann und Lambsdorff dabeizusein.

Nein, für einen solchen Wahlkampf, auch vom Wetter her tief unter Null, werden die Parteien ihre Basis wohl kaum noch einmal mobilisieren können. Am Ende gibt es nur noch zähneklapperndes Durchhalten. Die Parteioberen reisen, kein Vorwurf, weil sie überall auftauchen sollen, in gut gewärmten Limousinen, in geheizten Sonderzügen, schnellen Hubschraubern oder per Flugzeug. Die Wahlkämpfer vor Ort hingegen schütteten sich, wäre es denn von Nutzen, an ihren Info-Ständen oder bei der Klinkenputzerei von Haus zu Haus den Glühwein am liebsten in die Schuhe.

Auch sonst sind die Unterschiede gewaltig. Die Parteielefanten, auch noch der mittlere Redneradel, haben meistens volle Säle und erleben jene Zustimmung, die immer dann entsteht, wenn sich mehr oder minder Gleichgesinnte gegenseitig begeistern. Was jedoch ging in Herbert Tegenthoff vor, als er zur Mittagsstunde mit allmählich vereisenden Autoscheiben durch ausgestorbene Wohnviertel in Unna-Massen oder Schwerte kroch und über den mühsam auf dem Dach montierten Lautsprecher fast flehentlich skandierte: „Am 25. Januar bitte – FDP, Partei der Mitte?“ Oder in Hans Wallow, als er im fahlen Neonlicht des Bahnhofs Andernach am Rhein, das sein Morgengesicht doppelt zerknittert erscheinen ließ, den vorüberhastenden Berufspendlern sein Werbefaltblatt zuzustecken versuchte? In Richard Heinzel, als ihm ein Passant auf dem Kamener Markt barsch empfahl, er solle „eurem Dregger einen Stahlhelm aufsetzen“? Oder in Heike Wilms-Kegel, als zur Kreismitgliederversammlung in der Bahnhofsgaststätte von Bad Neuenahr ganze zehn Grüne zusammenkamen?

Nun haben alle Vier auf schwierigem Terrain gekämpft. Der Wahlkreis Unna I am östlichen Rand des Ruhrreviers, viel mittlere Industrie und verarbeitendes Gewerbe, auch noch Bergbau, ist bisher fest in der Hand der SPD. Selbst bei der letzten, für sie im Bundesdurchschnitt nicht mehr glanzvollen Wahl hat sie dort 53 Prozent der Zweitstimmen erzielt, in einzelnen Orten bis zu 75 Prozent. Die Allianz zwischen Partei, Gewerkschaften und sozialdemokratischen Kommunalverwaltungen ist ungebrochen.

Da konnte der Freie Demokrat Tegenthoff schon gar nicht viel ausrichten. An das Direktmandat war, wie überall bei der FDP, ohnehin nicht zu denken. Und auf der Landesliste seiner Partei, die das letzte Mal in Nordrhein-Westfalen 6,4 Prozent der Zweitstimmen erhielt, steht er so weit hinten, daß er den genauen Platz auf Anhieb gar nicht anzugeben vermag: „Es kommen nur noch sechs Mann hinter mir.“ Der 63jährige Oberrat im Postverwaltungsdienst, seit 1967 bei den Liberalen und einer ihrer beiden Vertreter im Stadtrat von Unna, zeigte für seine Partei schlicht Flagge: „Meine Bekanntheit kann ihre Position vielleicht ein Stück verbessern.“

Aber Herbert Tegenthoff ist, wie seine Frau sagt, „sehr krabetzig“, was so viel wie umtriebig bedeutet. Wahrscheinlich ist es gerade die Not einer kleinen Partei, die besonders erfinderisch macht. Jedenfalls hat Tegenthoff zum Beispiel auf einen Samstagabend in sein Einfamilienhäuschen Erstwähler eingeladen, zu einer „Diskussion am Kaminfeuer“. Da saßen und hockten dann noch auf den Fensterbänken seines altdeutsch möblierten Wohnzimmers tatsächlich gut zwei Dutzend junge Leute, darunter zwei von der Jungen Union, auch der Vorsitzende der Jungsozialisten aus Bergkamen, aber die meisten waren politisch überhaupt nicht festgelegt. Die Debatte lief dann auch fast ganz von allein, und zwar von neunzehn Uhr bis gegen Mitternacht – so lange, daß die Hausfrau nach den Schnittchen gleich noch den Sonntagskuchen opferte. Und man diskutierte kreuz und quer und kontrovers und natürlich mit einigem jugendlichen Rigorismus: über Parteiverdrossenheit und Jugendarbeitslosigkeit, über das Bildungs-System, das Demonstrationsrecht oder das Asylantenproblem. Am nächsten Morgen konnte Herbert Tegenthoff glücklich berichten, ein paar der jungen Leute hätten – nicht zu ihm, aber zu seinen Töchtern – gesagt, sie wüßten jetzt, was sie wählen würden.