Wieviel soll ich ihm geben, Doc?“ Pillenschwenkend stand der Vater eines jungen Basketballspielers vor dem Arzt und wollte wissen, in welcher Dosierung er das Wachstums-Hormon HGH seinem sportlichen Sprößling verabreichen solle. Dieser hatte zwar schon ein Gardemaß von knapp zwei Metern, aber einige Zentimeterchen mehr können beim Korbball entscheidend sein für den Erfolg.

Nicht nur ehrgeizige Eltern in den USA, erschreckend viele Leistungssportler in Ost und West schwören seit Jahren auf die Wunderdroge HGH und versuchen mit ihr, dem Schicksal nachzuhelfen. Schließlich hätte die Natur ihnen auch etwas aktivere Hormondrüsen mit in die Wiege lege können – die Dopingkontrolleure sind beim Orten der Quelle, ob endo- oder exogen, (fast) machtlos. Seit kurzem sprudelt das HGH auch aus gentechnischer Produktion. Früher mußte es aus Leichen extrahiert werden und war, vor allem wegen der intensiven Nachfrage aus dem Sportzirkus, ebenso knapp wie teuer. Heute produzieren mit menschlichem Erbgut traktierte Bakterien das Hormon. Ob der üppigere Nachschub die ohnehin bereits stark hormonabhängige Rüstungsspirale sportlicher Rekorde weiter drehen wird, bleibt offen.

Mag die leistungssteigernde Wirkung von HGH sportmedizinisch umstritten sein, in der Tierzucht ist eindeutig dokumentiert, was das entsprechende Wachstumshormon der Rinder anrichtet: Es veranlaßt ohnehin bereits auf Hochleistung getrimmte Milchkühe, nochmals zehn bis dreißig Prozent mehr Milch zu geben. In den Vereinigten Staaten werden zur Zeit die Folgen kontrovers diskutiert – das Mittel steht vor der allgemeinen Einfuhrung. Wie dem am Wochenbeginn in Bonn veröffentlichten Abschlußbericht der Enquete-Kommission „Chancen und Risiken der Gentechnologie“ zu entnehmen ist, wird in den USA in den ersten drei Jahren nach Einführung des Hormons der Milchpreis voraussichtlich um etwa zehn bis fünfzehn Prozent fallen und der Rinder- und Farmenbestand um 25 bis 30 Prozent sinken. Davon seien „in erster Linie die kleinen Farmen, die Familienbetriebe betroffen“. Denn die Super-Hochleistungskühe bedürfen eines speziellen Futters und intensiver Überwachung. Das spezialisierte Farm-Management, möglichst mit elektronischer Datenverarbeitung, erfordert eine kapitalintensive Innovation, die sich „nur große und liquide Farmen“ leisten können.

Das Wachstumshormon ist nur ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel unter den vielen verschiedenen körpereigenen Stoffen, die dank der Gentechnik früher oder später in großen Mengen verfügbar sein werden. Ihr Einfluß auf die Gesellschaft ist derzeit nicht absehbar, nur eines ist sicher: er wird beträchtlich sein. Allein die Stoffgruppe der Neuropeptide, Eiweiße, die im Nervensystem eine wichtige Rolle spielen, könnten sich in der Medizin als Segen, in den Händen Unbefugter als Fluch erweisen.

Unsere Wirtschaft ist keine friedliche Angelegenheit. Nicht von ungefähr werden „Werbefeldzüge“ entworfen, „Verkaufskanonen“ stationiert, Märkte „erobert“ oder „Exportoffensiven“ gestartet. Die Gentechnik, dies ist sicher, ist eine der schärfsten Waffen der Industriestaaten in der unerklärten, ständigen Handelsfehde. Sie wird den Abstand zwischen Nord und Süd weiter vergrößern und verfestigen, sie kann ganze Länder der Dritten Welt, die ihre Einkünfte aus dem Agrarbereich beziehen, in den Ruin treiben. Beispiele wären etwa neue Gewinnungsmethoden für Kokosfett, Zucker, Kakao, die bereits in der Diskussion oder auf dem Wege der Realisierung sind. Wer den gezielten biotechnischen Eingriff in die Steuereinheiten des Lebens beherrscht, verfügt über ein Machtinstrument, das die Kerntechnik in den Schatten stellt. Insbesondere in ihrer ungeheuren Vielseitigkeit liegt eine der wesentlichen Stärken der Gentechnik. Sie begleitet uns, beginnend mit der pränatalen Diagnostik über das Neugeborenen-Screening, die alltägliche Nahrung biotechnologischer Provenienz oder als Hilfsmittel der Medizin buchstäblich vom Uterus bis zur Bahre. Sie kann Leben retten – etwa durch einen neuen Impfstoff für Aids – aber im schlimmsten Falle auch einen Super-GAU auslösen, der die Auswirkungen eines kerntechnischen Unfalls weit übertrifft – zum Beispiel durch Neubildung eines Seuchen auslösenden Virus.

So ist es wenig verwunderlich, daß die Abschätzung der Chancen und Risiken der Gentechnik nach über zweijähriger Tätigkeit der Kommission sich in einem Bericht niedergeschlagen hat, der rund 400 eng bedruckte Seiten umfaßt. Farbe erhält das umfangreiche Werk, das einen guten Überblick über die wichtigsten Anwendungsgebiete, Sicherheits- und Rechtsfragen der Gentechnik liefert, insbesondere durch ein Sondervotum der Grünen. Deren jeweilige Vertreterin (Rotation führte zu einem Wechsel) konnte sich der Meinung der übrigen Mitglieder nicht anschließen. Obwohl die Kommission dieses Votum hätte ablehnen können – solche Tendenzen gab es durchaus –, war sie gut beraten, es mit aufzunehmen. Die Stellungnahme der Grünen enthält zwar manche Übertreibung, etwa neue, stickstoffbindende Pflanzen könnten die Zusammensetzung der Luft stark verändern. Dennoch bringt das Sondervotum viele und wichtige Gegenargumente, die der Hauptbericht vermissen läßt.

Zwar soll die Kommission primär dem Bundestag Entscheidungshilfen für längst überfällige Gesetze liefern, sie soll aber auch die Öffentlichkeit informieren. Nur die Offenlegung der Probleme einer Technik und ihre möglichst breite Diskussion in der Bevölkerung verhindert, daß Herrschaftswissen in demokratiefeindlicher Weise über unsere Zukunft bestimmt und damit letztendlich ähnlich gravierende Akzeptanzprobleme hervorruft wie bei der Nutzung der Kernenergie.