Von Büchern heißt es, sie hätten ihre Schicksale. Auf Zeitungen trifft dieses Wort auch zu; La Prensa, das Blatt der antisandinistischen Opposition in Nicaragua, ist eines der Beispiele. Ein Verleger bezahlte den Kampf gegen den Diktator Somoza mit dem Leben. Seit Mitte vorigen Jahres ist das Blatt von den Siegern über Somoza verboten, weil es unverändert hartnäckig auch die neuen Feinde der Demokratie anprangerte. Und es wird auch künftig nicht erscheinen dürfen, trotz der am 9. Januar verkündeten Verfassung, die auch Meinungsfreiheit garantiert.

Die Entscheidung der Sandinisten läßt wenig Gutes erwarten. Viel Freiheit bringt die Verfassung ohnehin nicht; wichtige Artikel wurden unmittelbar nach der Verkündung unter Berufung auf den Krieg gegen die Contras suspendiert. Aber was ist an rechtsstaatlicher Demokratie nach dem Ende des Krieges zu erhoffen, wenn die Machthaber jetzt jede kritische Stimme ersticken?

Zugegeben: La Prensa war in ihrer Wortwahl nie zimperlich, so wenig rücksichtsvoll wie die Zensur, die schon vor dem Verbot die Zeitung oft bis zur Unleserlichkeit verstümmelte. Die Zensur besteht weiter, hätte auch künftig die Oppositionszeitung behindert. Der unerfreuliche Schluß liegt nahe: Die Sandinisten fürchten nicht den Inhalt der Kritik, sondern den gedruckten Beweis der Tatsache, daß – anders als sie behaupten – nicht alle Nicaraguaner ihrer Politik zustimmen.

H. B.