Mannheim

Die Plakatkleber haben gerade wieder einen nächtlichen Großeinsatz hinter sich. Seit diesem Morgen weiß es die ganze Oststadt: „Mannheim braucht Bugl“. Und während sich die jungen Wahlhelfer noch die klammen Finger reiben, kommt der Mann, dessen Konterfei sie schon seit Wochen an jeden strategisch wichtigen Laternenpfahl binden, ins Büro spaziert. Josef Bugl, als einziger frisch gebadet und rasiert. Es ist neun Uhr früh, Lagebesprechung in der Mannheimer CDU-Geschäftsstelle. Kurze Fragen, knappe Anweisungen.

Sind genügend Glückspfennige da, wer fährt den Bulli und wer holt Katrin ab? Per Zuruf erfährt auch Dr. Bugl, was er zu tun hat. „Kein Telephonat mehr, das sprengt das Timing. Rein in den Mantel und los!“ Der Kandidat lächelt milde und freut sich des jugendlichen Eifers. „Canvassing“ hat man ihm für diesen Freitagmorgen verordnet. Canvassing? In Sandhofen?

Wir befinden uns in der entscheidenden Phase eines Wahlkampfs, in dem es eigentlich gar nicht mehr um die großen politischen Ziele der Parteien geht. Dr. Josef Bugl kämpft nicht gegen das rotgrüne Chaos, er kämpft auch nicht für den Mann aus Oggersheim. Er kämpft für sich selbst und gegen einen aussichtslosen Listenplatz, auf den ihn die eigene Partei abgeschoben hat. Dem Doktor wollte man einen Denkzettel verpassen. Welcher altgediente Parteifreund, der sich von der Schüler-Union in den Vorstand des Bezirksverbandes hochgedient hat, sieht es schon gerne, wenn ihm da so ein promovierter Physiko-Chemiker namens Bugl davongaloppiert: Anfang der siebziger Jahre in die CDU eingetreten, 1976 in den baden-württembergischen Landtag eingezogen, seit 1980 im Bundestag.

Nur ein sicherer Listenplatz hatte ihm bisher den Bonner Aufstieg vom parlamentarischen Novizen zum Vorsitzenden der Enquete-Kommission „Technologiefolgen-Abschätzung“ ermöglicht. Denn der Wahlkreis 179, Mannheim-Nord, ist die letzte Bastion der Sozialdemokratie in Späths Ländle. SPD-Kandidat Werner Nagel, geboren in Mannheim, wohnhaft in Mannheim, bekannt in Mannheim, hat seine Enklave bisher ohne Schwierigkeiten verteidigt, 1983 mit 49 Prozent der Stimmen. Und da ist der CDU-Kandidat Josef Bugl, geboren in der Oberpfalz, lebhaft in Bonn, weniger bekannt in Mannheim, plötzlich auf Gedeih und Verderb den Wählern ausgeliefert, deren Erststimmen seine einzige Chance sind.

„Bugl hat sich in seinem Wahlkreis nie richtig verkauft“, entschuldigt Joachim Porten den mangelnden Rückhalt im lokalen Partei-Establishment. Aber seitdem dieser 30jährige Porten Anfang September ins improvisierte Wahlkampfbüro des Dr. Bugl eingezogen ist, klappt das mit dem Verkaufen schon wesentlich besser. Daß sich die gelblichbraunen Schatten unter Portens Augen täglich vergrößern, muß an den chronischen Kreativitäts-Schüben liegen, die ein Wahlkampf verlangt, der „ganz anders“ sein soll.

Canvassing, sagt Porten, „wer macht noch Canvassing außer Bugl?“ Wer geht noch von Tür zu Tür? Bugl fährt mit seiner Mannschaft an diesem Freitagmorgen nach Sandhofen, dorthin, wo sein SPD-Rivale zu Hause ist, dorthin, wo die meisten Leute in der Zellstoff-Fabrik schaffen.