Von Roger de Weck

Paris

Von Brücke zu Brücke treiben Eisschollen auf den Fluten der Seine. Die Straßenlampen, die den Quai d’Austerlitz säumen, längs des gleichnamigen Bahnhofs, werfen ihr fahles Licht auf den Scnneematsch. Ein Polizeiwagen fährt die Rampe hinunter zum alten Kahn, der seit Ewigkeiten hier vor Anker liegt. Alle Stadtstreicher kennen La Peniche, jenen Kahn, den die Heilsarmee in ein Obdachlosenasyl umfunktioniert hat. An Bord ist es wieder einmal zu einer Schlägerei gekommen. Von Ferne betrachtet Michel die Szene, das Blaulicht bescheint im Takt sein bärtiges Antlitz: "Ich schlafe lieber draußen." Ein Zug donnert über die Bahnbrücke. Michel, der Pariser Clochard, zieht seine rote Wollmütze tief ins Gesicht. Es sind an die fünfzehn Grad minus.

Gleich hinter dem Bahnhof haben Michel und ein Kumpel in einer Nische zwischen zwei Wohnblocks Unterschlupf gefunden. "Wir sind vor dem Wind geschützt, brauchen nicht einmal eine Decke. Wir sind viel besser dran als auf dem Boot. Vorgestern wurde einem dort ein Auge ausgestochen."

Der 36jährige Michel hat vor Jahren alles verlassen: den Beruf als EDV-Techniker, die Eltern, die Freunde, die Verlobte. "Das Mädchen hat inzwischen einen Polizisten geheiratet, stell dir vor, einen flic!" Er grinst hämisch. Michel hat die Freiheit und trotzt der Gesellschaft wie der Eiseskälte. Er zählt zu den Tausenden von Obdachlosen in Paris; die Schätzungen schwanken zwischen 6500 und 20 000.

In der Beamtensprache, die alles und jedes umzubenennen pflegt, werden sie als SDF (Sans domicile fixe, "ohne festen Wohnsitz") bezeichnet. Zumal im Winter übernachten die wenigsten am Suai unter den Pariser Brücken, wie es das verärte Bild des Clochards wahrhaben will. Vielmehr suchen sie den Windschatten und ein wenig Wärme. Dem Austerlitz-Bahnhof gegenüber hat sich einer mitten auf dem Bürgersteig einen vergitterten Abluftschacht der Untergrundbahn ausgesucht. Er hüllt sich in Pappebögen und in den Resten eines rotbraunen Spannteppichs ein, um sich vor der Kälte zu schützen wie auch vor der heißen Luft, die aus dem Erdinneren strömt und die Schleimhäute austrocknet und ätzt.

Andere bleiben bis zur letzten Metro (nach Mitternacht) in einer der wenigen gut beheizten Stationen und überbrücken wo auch immer die Zeit bis zur ersten Metro frühmorgens um halb sechs. Der beliebteste Treffpunkt ist die U-Bahnstation Saint Michel im Studentenviertel. Da sitzt die pausbäckige, herzkranke Jeannine und zeigt jedem, der an ihrem Schicksal Anteil nimmt, einen Bündel amtsärztlicher Atteste. Da starrt der "Legionär" vor sich hin. Von seiner Dienstzeit bei der Fremdenlegion zeugen noch das gewohnheitshalber kurzgeschorene Haar und die schwere Kriegsverletzung; der alte Haudegen krempelt seine Hose hoch und weist stolz auf sein Holzbein, dessen Gelenke bei jeder Bewegung quietschen. Das Wort Clochard stammt denn auch von clocher, altfranzösisch für "hinken".