Als der Außenminister und der Wirtschaftsminister der Republik auf der Rolltreppe ins obere Foyer des Kongreß-Zentrums emporschweben, drängen sich die Parteifreunde, die Kameramänner und die Fotoreporter ihnen entgegen, und der Wirtschaftsminister strahlt voller Rührung, als hätte er Geburtstag, während der Außenminister, die rechte Hand in der Hosentasche, jovial lächelnd mit dem Kopf nach allen Seiten nickt. Das seitwärts und rückwärts hüpfende Ballett schiebt sich langsam in den Saal hinein, wo eine Gruppe gereifter Musikanten When the saints go marching in spielt.

Der örtliche Parteivorsitzende begrüßt die schütteren Reihen des Publikums und dankt enthusiastisch allen, die gekommen sind, trotz Eis und Schnee und obwohl die Stadtverwaltung sich offenbar außerstande sehe, die Straßen befahrbar zu halten. Heftiger Beifall zeigt, daß die Parteifreunde in jenem Streusalzkrieg, der allwinterlich die Stadt beherrscht, entschieden Position zu beziehen bereit sind. Später, als der Außenminister fordert, den Umweltschutz im Grundgesetz zu verankern, ist der Beifall nicht geringer.

Wahlkampf bei diesen Temperaturen, sagt der örtliche Parteivorsitzende (gestern habe er bei minus 17 Flugblätter verteilt), sei kein Zuckerschlecken. Bei dieser kleinen metaphorischen Kühnheit klatscht der Außenminister zum ersten Mal. Langsam hebt er seine erstaunlich großen Hände bis in Gesichtshöhe und bewegt die Handflächen weit ausholend und zeitlupenhaft schwingend aufeinander zu, dreimal insgesamt, ähnlich vielleicht, wie es ein Schimpanse tun würde, der, um seinen Meister zufriedenzustellen, dessen Anleitung äffisch imitiert. Des Außenministers Klatschen ist augenscheinlich zum Sehen bestimmt.

Als der Wirtschaftsminister redet, über Wirtschaftspolitik wolle er sprechen, hat er angekündigt, ist aber tatsächlich hurtig von der Arbeitslosigkeit aufs Ladenschlußgesetz gekommen, von dort zu einer Verkäuferin in der Klett-Passage, die er in Stuttgart kennengelernt hat, was zwanglos einige Bemerkungen über Familienpolitik und Kindergeld erlaubt und dies wiederum eine Grundsatzerklärung zur Steuersenkung und zum Subventionsabbau nahelegt, während dieser von einer wachsenden Fröhlichkeit des Redners begleiteten Rede des Wirtschaftsministers fällt der Außenminister, der vermutlich den irgendwie berauschenden Schlenkergang seines Parteifreundes kennt, in eine versteinerte Haltung. Sein Gesicht wirkt eingefallen und erschöpft, und zugleich strahlt es die Unangreifbarkeit von jemandem aus, der entschlossen und mit geöffneten Augen einen kurzen Schlaf absolviert.

Einmal, als der Wirtschaftsminister die Leistungen des Außenministers rühmt und der Beifall des beifallswilligen Publikums sich erhebt, fährt der Außenminister zusammen, blickt kurz und verwirrt auf seine Uhr, faßt sich und nickt freundlich vom Podium herab. Unterdessen läßt der Wirtschaftsminister, endgültig berauscht von sich selber, aber vielleicht hat er wirklich Geburtstag heute, alle Rücksichten fallen und sagt: „Stellen Sie sich vor, Sie sind Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens der Stahlbranche mit 12 000 Arbeitsplätzen“. Der Saal erstarrt vor Ehrfurcht. „Stellen Sie sich vor, Sie kommen in die roten Zahlen. Da gehen Sie einfach zu Ihrem Ministerpräsidenten, nennen wir ihn Oskar (allgemeine Heiterkeit), und sagen, Oskar, ich brauche 35 Millionen, sonst hast Du 12 000 Arbeitslose. Und Oskar antwortet, trink mal in Ruhe Deinen Kaffee, ich besorge inzwischen das Geld. (Allgemeine Heiterkeit). Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie sind ein Handwerksmeister mit zwölf Angestellten, und Sie gehen zu Ihrem Ministerpräsidenten und sagen: Ich brauche 35 000 Mark, sonst sind zwölf Leute arbeitslos. Da sagt der Ministerpräsident: Das ist Ihr Problem. Beifall. Soviel zur Wirtschaftspolitik der Partei.“

Während der Rede des örtlichen Spitzenkandidaten, der mit seinen roten Wangen und seiner schwarzen Brille wie ein Theologiestudent im Examen wirkt, schleppen die Kameramänner ihre Gerätschaften an neue Positionen, um für den Auftritt des Außenministers gerüstet zu sein. Als dieser an das Pult tritt, brandet nun wirklich der Beifall. Daß ihn der freut, verbirgt der Außenminister nicht. Er wirkt nun ausgeschlafen und erfrischt. Er tut so, als müsse er mit seiner Stimme gegen das Klatschen ankämpfen und ruft schließlich ins Mikrophon „Heiner Geißler ...“ Jäh erstirbt der Beifall. „Ich wußte, daß Sie aufhören würden zu klatschen, wenn ich Heiner Geißler sage.“ Allgemeine Heiterkeit. Der Außenminister kommt allmählich in Fahrt und spricht von der Wende. Mit Stentorstimme besteht er darauf: „Wir haben die Wende gemacht, wir waren das!“ Pathos liegt in der Luft. Dieses „Wir“ hat etwas Erhabenes und Erhebendes, das spürt auch das Publikum. „Wir, der Staat“, hat zuvor der Wirtschaftsminister gerufen. Wer ist „Wir“? Diese beiden Männer in jedem Fall. Beruhigend, die Geschichte des Staates in ihren Händen zu wissen.

Die Rede des Außenministers schwingt nun ein in den gleichmäßigen Rhythmus von Crescendo und Decrescendo, in eine anschwellend und abschwellend wellenförmige Bewegung, deren Scheitelpunkte nicht immer mit den inhaltlichen Höhepunkten zusammenfallen. Der Frequenzgang seiner Stimme scheint sich am ehesten noch der Atemtechnik zu verdanken. Es ist, als stünde man am Meer und beobachtete das Heranlaufen des Wassers, wie es sich hebt und eine Welle bildet, die sich gleich mit einem kleinen Getöse überschlagen und plätschernd im Sand versickern wird, und wenn man eine Zeitlang zugesehen hat, dann kann man den Rhythmus der Wellenkämme ziemlich gut vorhersagen.