ZEIT: Sie haben in den siebziger Jahren wie keine andere schockiert, Tabus gebrochen, Frauen in Bewegung gebracht. Doch Sie sagen von sich, ich bin keine emanzipierte Frau. Ist das ein Witz?

Alice Schwarzer: Nein, das ist einfach die Realität. Man kann ja nicht für sich alleine emanzipiert spielen. Ich bin sicherlich eine Frau, die im Rahmen des Möglichen jederzeit bereit war und auch hoffentlich bereit bleibt, die weiblichen Spielregeln zu verletzen – das heißt, das zu tun, was sie richtig findet. Aber ich lebe in einer Welt, in der ich jederzeit in einer dunklen Straße vergewaltigt werden kann, in der ich auch als Journalistin auf eine, ich geb’s ungern zu, aber doch kränkende Art und Weise auf die sogenannte Frauenfrage reduziert werde. Ich bin voll davon betroffen, Frau zu sein. Unter emanzipiert verstehe ich die Befreiung davon. Ich glaube, daß das einer der zentralen Punkte ist, warum ich Feministin bin.

Alice, Sie bezeichnen sich auch als Radikal-Feministin. Können Sie das definieren?

Das ist sehr einfach. Dieses bei uns so in Verruf gekommene Wort radikal, das heißt ja an die Wurzel gehen. Radikal-Feminismus heißt, die Sache gründlich zu Ende denken. Gründlich zu Ende denken bedeutet, eine Radikal-Feministin muß jede Zuweisung, jede Rollenzuweisung im Namen der Natur zurückweisen. Ich glaube nicht an die Natur des Menschen – weder der Frauen noch der Klassen noch der Rassen.

Das ist eine traditionelle feministische Position, die viele Frauen heute nicht mehr teilen.

Der Feminismus ist, wenn ich mal eben diesen kleinen Exkurs machen darf, ja eigentlich eine politische Theorie. Eine sensibilisierte, empörte Frau ist noch keine Feministin, so wenig wie ein sozial gerecht fühlender Mensch ein Kommunist ist. Der Feminismus ist 150 Jahre alt, da ist viel gedacht, viel geschrieben worden. Aber es hat ja System, daß man uns immer wieder von vorne anfangen läßt. Man sagt ja heute nicht mehr platt, Frauen können weniger. Die neue Version der weiblichen Minderwertigkeit ist das Anderssein, eine Ideologie, die ja leider in Teile der Frauenbewegung eingebrochen ist. Heute wie früher.

Meinen Sie das mit Blick auf den Nationalsozialismus?