Von Ulrich Schiller

Washington, im Januar

Er gewinnt uns etwas ab, was viel persönlicher ist als schiere Popularität, eine Art Mittäterschaft", so ist in der neuesten Reagan-Biographie zu lesen. Reagan’s America von Garry Wills, Politikprofessor und Journalist, ist in diesen Tagen in die Buchläden gekommen, als wäre es geschrieben worden für diese Zeit, in der immer mehr Amerikaner erstaunt auf sechs Jahre Präsidentschaft Ronald Reagans und auf seine Kunst zurückblicken, die Einbildung als Teil der Wirklichkeit erscheinen zu lassen. "Reagan-Land zu besuchen, ist fast dasselbe, wie mit den Kindern nach Disneyland zu gehen", schreibt Wills, der der Frage nachgeht, warum so viele Amerikaner gerade in diesem Präsidenten alle die Eigenschaften zu erkennen glaubten, die sie sich auch selbst am liebsten zuschreiben. Im Titel liegt die These: Reagans Anziehungskraft für die Amerikaner ist nur dann zu verstehen, wenn man auch sein Publikum, sein Auditorium versteht, eben "Reagans Amerika".

So tief verwurzelt sind die Vorstellungen – und Illusionen – von Reagans Kompetenz als Regierungschef, daß ihm auch zwei Monate nach Bekanntwerden des Waffenhandels mit dem Iran und vielen haarsträubenden Einzelheiten in einer Meinungsumfrage noch 63 Prozent der Amerikaner eine gute Amtsführung bescheinigen. Freilich hatte die Zustimmungsrate einmal bei 83 Prozent gelegen, aber das war im Juni 1985. Damals wurden zwar die ersten Kontakte mit Teheran zur Freisetzung der Geiseln geknüpft, doch von diesen zweifelhaften Aktionen ahnte niemand etwas. Ganz genau wollen es viele Amerikaner auch heute nicht wissen. Immerhin aber gaben 47 Prozent der Befragten an, sie verfolgten den Iran-Skandal mit einer gewissen Aufmerksamkeit. Die Mehrheit jedoch, die große "milde Mitte", wie Gallup-Präsident Kohut sich ausdrückte, ist uninteressiert und mag die schlechten Nachrichten nicht, die den Präsidenten betreffen.

Wenn sich Reagan seit dem 25. November öffentlich nicht mehr zur Iran-Affäre geäußert hat, hängt das nicht nur mit der ihm nach der Prostataoperation verordneten Schonung zusammen. Selbst Phototermine mit der Gelegenheit, ihm eine Frage zuzurufen, finden nicht statt. Helen Thomas, Veteranin unter den Berichterstattern im Weißen Haus, stellte deshalb kürzlich voller Frust die Frage:. "Haben ihm die Ärzte denn auch gesagt, keinen Reporter zu treffen?"

Am 27. Januar wird Reagan in einer Rede vor beiden Häusern des Kongresses die traditionelle "Botschaft zur Lage der Nation" abgeben. Es ist immer noch ein gut gehütetes Geheimnis, wie er den Iran-Skandal und die Abzweigung von Geldern aus den Waffenlieferungen, auf Konten für die Contras darstellen wird. Wird er diese Probleme vielleicht ganz ausklammern? Einige seiner Parteifreunde, wie Senator Warren Rudman aus New Hampshire, fordern, der Präsident solle sich in der Rede für die im Weißen Haus getroffenen Fehlentscheidungen und Urteilsirrtümer entschuldigen. Andere raten ihm von einer solchen Geste dringend ab, da ja noch nicht einmal alle Tatsachen bekannt seien. Die Schlüsselfiguren der Affäre, Admiral Poindexter und Oberstleutnant North, schweigen immer noch. Auch bleiben die Auskünfte widersprüchlich, wann der Präsident von den ersten Waffenlieferungen an den Iran auf dem Wege über Israel im Herbst 1985 gewußt habe – vorher oder nachher. Witzbolde in Washington haben die Frage inzwischen umformuliert: Wann hat der Präsident was vergessen?

Das Weiße Haus setzt unter der Federführung des neuen Koordinators für die Iran-Contra-Affäre, des bisherigen Nato-Botschafters Abshire, allen Ehrgeiz darein, eine eigene Chronologie der Ereignisse zusammenzustellen. Die neuen Sonderausschüsse des Kongresses, je einer für Senat und Repräsentantenhaus, wollen ihre Untersuchungen mit öffentlichen Anhörungen Ende des Monats beginnen. Auch der Sonderstaatsanwalt hat seine Vorbereitungen im wesentlichen abgeschlossen. Der Untersuchungsbericht, den der noch zum alten Kongreß gehörende Geheimdienstausschuß des Senats angefertigt hat, ist dem neuen Senatsausschuß zur Überarbeitung und Veröffentlichung übergeben worden. Der Bericht sollte ursprünglich geheim bleiben, inzwischen aber ist sein Inhalt durch Indiskretion bekannt geworden. Die Fernsehgesellschaft NBC hatte kürzlich seinen chronologischen Teil veröffentlicht, die New York Times druckte am Montag den Tatsachenbefund und den analytisch bewertenden Teil in voller Länge ab.