DIE ZEIT: Spekulieren Sie mit Ihrem Roman „Das Memorial“ auf die heute so beliebte Mischung aus Phantasie und Historie?

José Saramago: Das weise ich von mir. Mein Buch hat nicht das Geringste mit Exotik oder Geschichtsfolklore zu tun. Mir geht es durchaus nicht um Rekonstruktion, „Restauration“ einer Epoche, darum, ein Zeitgemälde zu entwerfen wie Walter Scott oder in Portugal, im neunzehnten Jahrhundert, Alexandre Herculano, der sich selbst, seine Zeit ausblendet. Der historische Roman, wie ich ihn sehe, hat eine andere Funktion. Wer heute über das achtzehnte Jahrhundert schreibt, schreibt mit der Kenntnis dessen, was danach geschehen ist, ein Vorsprung, den er nicht verleugnen darf. Man kann natürlich sagen: „Das Memorial“ behandelt eine Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert, die uns heute nichts zu sagen hat. Wollen wir ein Buch um Beziehungen, Bedrohungen, Bauwerke, dann sollten wir uns doch lieber in unserer Zeit umsehen. Das hieße, Literatur sollte immer ihre eigene Zeit behandeln. Das halte ich für sehr bedenklich. Auf Deutschland bezogen hieße das, über das Dritte Reich lassen wir Gras wachsen. Da sage ich nein! Es ist heute wichtiger den je, über die Vergangenheit zu schreiben, um die Gegenwart zu verstehen. Ich spreche von Portugal, aber nicht nur. Wir müssen mit Geschichte neu umzugehen lernen, sie uns aneignen, nachdem man uns hat lange glauben machen, daß die Zeit, in der wir leben, von der Gegenwart und nichts als der Gegenwart bestimmt sei und daß nichts weiter zählt. Wir können uns immer weniger leisten, in den Tag hineinzuleben und so zu tun, als sei die Vergangenheit tot.

DIE ZEIT: „Weil die Wahrheit zu Fuß durch die Geschichte wandert, man ihr nur genügend Zeit geben muß, eines Tages dann erscheint sie und sagt: Hier bin ich“, wie es im „Memorial“ heißt. In dem Wort „Memorial“ schwingt auch Memento mit, Erinnerung, Spurensicherung.

Saramago: Das hat viel mit der nouvelle histoire zu tun, etwa mit Georges Duby. Und wenn ich von Geschichtsbewußtsein spreche, geht es mir auch um Geschichte von unten.

DIE ZEIT: „Ach, der Blumen Schicksal, sie eines fernen Tages den Gewehrläufen aufgehißt.“ Das steht im „Memorial“, und man glaubt, gescheiterte Hoffnung, gar Resignation herauszuhören. Lautet doch der Titel der 1985 im Aufbau-Verlag erschienenen deutschen Übersetzung Ihres früheren Romans „Levantado do Chäo“, der demnächst auch bei uns herauskommen soll, „Hoffnung im Alentejo“. Wörtlich heißt es: Vom Boden aufgestanden, auferstanden.

Saramago: Mit dem deutschen Titel bin ich überhaupt nicht einverstanden. Der Originaltitel ist sehr viel umfassender. Die Saat sprießt empor, das Tier richtet sich auf, der Mensch erhebt sich. Von der Erde kommt alles und kehrt zur Erde zurück. Man fragt mich: Warum enden so viele meiner Bücher mit dem Tod, warum kehren die Toten zurück? Alles endet mit dem Tod. Ein Roman, der damit endet:„... und sie heirateten und lebten glücklich und hatten viele Kinder“, ist unehrlich. Die Hoffnung aber lebt von Generation zu Generation weiter, Hoffnung ist etwas, was über den einzelnen hinausgeht. Hoffnung ist viel mehr als das Warten auf bessere Zeiten.

DIE ZEIT: Zurück zum „Memorial“. Die Seherin Blimunda raubt Sterbenden ihre letzte Willenskraft. Kostet auch der positive Entwurf – das Fliegen – das Opfer Unschuldiger?