Für die Reizwörter „Postmodernität“ oder „Posthistorie“ habe ich keine besondere Vorliebe, weil sie so außerordentlich nichtssagend sind. Mir ist es unlängst passiert, daß ich an einer Post-Apotheke vorbeikam und dachte: die auch schon.

Der Philosoph Bernhard Waldenfels in einem Interview der „Frankfurter Rundschau“, Samstag, 17. Januar 1987

Holzfällen, neue Erregung

Wir erinnern uns (und zwar gerne!) – an den langen, ebenso erbitterten wie ergötzlichen Streit um Thomas Bernhards Buch „Holzfällen. Eine Erregung“. In dem furiosen Prosastück war (neben zahlreichen anderen Lemuren und Gespenstern der Wiener Gesellschaft) auch ein heruntergekommener, trunksüchtiger Komponist (der Webern-Epigone Auersberger) samt Gemahlin aufgetreten. In Bernhards Schmähschrift glaubte sich nun ausgerechnet ein Jugendfreund des Dichters gehässig porträtiert zu sehen: der Komponist Gerhard Lampersberg, damals 56. Der klagte (oder ließ klagen) gegen das Werk, erwirkte eine Einstweilige Verfügung und trieb so Thomas Bernhards Buch einerseits in den Untergrund, andererseits in die Gipfelregionen der Bestseller-Listen. Und alle, wirklich alle, freuten sich schon innig auf den Prozeß zwischen den beiden Jugendfreunden/Altersfeinden Bernhard und Lampersberg. Bis die ernüchternde Nachricht kam, der beleidigte Lampersberg habe seine Klage zurückgezogen. Worauf der Verdacht geäußert wurde, der ganze Streit um die „Erregung“ sei nichts anderes als ein abgekartetes Spiel zweier tückischer Spaßmacher gewesen. Vorhang.

Jetzt aber plötzlich, zwei Jahre später, kündigt der Ritter Verlag in Klagenfurt eine Wiederaufnahme des Verfahrens an – in Gestalt eines Buches von Gerhard Lampersberg mit dem schönen Titel „Perturbation“. Der Verlag: „Lampersbergs Text in vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Lateinisch) ist ein gefühlvoller und milder Respons auf Erlebtes, das Deutung und Ergänzung durch Biographisches nicht ausschließt, aber auch nicht ausdrücklich fordert.“ Auf dem Buchumschlag zur „Perturbation“ entdecken wir einen zweiten Buchumschlag, Thomas Bernhards „Holzfällen“, in vier Teile zerschnitten oder zerhackt.

Bleiben zwei Rätsel. Was bedeutet der Titel zu Lampersbergs viersprachiger Schrift? Im allein zuständigen „Fremdwörter-Duden“ finden wir zwischen den Stichwörtern „Perturbation“ (Eileiterdurchblasung) und „Pertussis“ (Keuchhusten) die beruhigende Erklärung, daß das Wort „Perturbation“ mit andern Turbationen weder verwandt noch verschwägert ist. Perturbation ist, ganz einfach, die „Störung in den Bewegungen eines Sterns.“

Nicht ganz so klar ist, ob wir Lampersbergs „gefühlvollen und milden Respons“ wirklich werden lesen dürfen, oder ob uns demnächst eine erneute Enttäuschung bevorsteht. „Erscheinung: April 1987“ meldet der Ritter Verlag, und das klingt ebenso verdächtig wie die Ankündigung, daß wir für 64 Lampersberg-Seiten nur 120 Osterreichische Schilling (oder 18 Deutsche Mark oder 15 Schweizer Franken) bezahlen sollen. Viel zu billig, lieber Ritter Verlag, für eine solche Kostbarkeit!