Von Ernst Klee

Haben Sie Einzelgänger in der Familie?" fragte vor einiger Zeit Emma, die Streitschrift der Frauenbewegung. "Homosexuelle? Magersüchtige? Geistig Behinderte? Arbeitsscheue? Alkoholiker? Selbstmörder? Schwerhörige? Herzinfarkte? Kurzsichtige?"

Der sarkastische Ratschlag der Zeitschrift, der die Arbeit der Humangenetischen Beratungsstelle in Hamburg-Barmbek aufs Korn nahm: "Sie sollten sich und den Rest ihrer Familie sterilisieren lassen ... Belasten doch Träger dieser Krankheitswerte ihre Familie und die Gesellschaft."

Eine böse Übertreibung? Im Januar jammerte im Deutschen Ärzteblatt ein Dr. Leistenschneider, die Weiterentwicklung des Menschen hänge von der Verbesserung des Erbgutes ab. Das Traumziel Millionen Bundesdeutscher sei aber, die Erlangung eines Schwerbehinderten-Ausweises. Da die natürliche Auslese versage, müßten "künstliche" Maßnahmen an ihre Stelle treten.

Seit langem argwöhnen Eltern behinderter Kinder und viele Behinderte, genetische Beratungsstellen betrieben Abtreibungsmedizin, um alles Kranke auszumerzen. Humangenetiker förderten eine Versandhandel-Mentalität, wonach die Ware bei Nichtgefallen fristgerecht zurückgegeben, sprich abgetrieben werden könne. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens ("Euthanasie") finde spätestens im Mutterleib statt.

Der Mainzer Professorin Ursel Theile, Leiterin der Genetischen Beratungsstelle Rheinland-Pfalz, sind solche Vorwürfe ein Greuel. Sie lud mich ein, für einen Tag an den Beratungsgesprächen teilzunehmen. Ich solle selbst sehen, wie da Eltern säßen, die schon so ein "armes Wurm" (behindertes Kind) hätten.

In der Genetischen Beratungsstelle in Mainz trägt keiner der Mediziner einen weißen Kittel. Es riecht nicht nach Krankenhaus. Und doch wirken die Paare, die im Erdgeschoß auf ihr Beratungsgespräch warten, wie Patienten in einer Klinik: wissen sie doch nicht, wie die Diagnose lauten wird.