Die bundesweite Einführung zeitabhängiger Stromtarife und „intelligenter Stromzähler“, zum Sparen anreizen, könnte fünf Kernkraftwerke überflüssig machen

Von Regine Bönsch

Willy Leonhardt, Vorstandsvorsitzender der Saarbrücker Stadtwerke, möchte in einem neuen Tarifsystem die Strompreise ausschließlich am Verbrauch orientieren und so die Kosten für Kleinkunden senken, für Großabnehmer anheben. Dies soll zum Energiesparen anreizen und könnte nach Meinung Leonhardts bei bundesweiter Einführung Kraftwerkskapazitäten bis zu 6000 Megawatt Leistung überflüssig machen. Das entspricht etwa fünf Kernkraftwerken oder jener Kapazität, die in den nächsten Jahren hierzulande neu ans Netz gehen soll. Der „Ausstieg“ würde in greifbare Nähe rücken.

Strom, die edelste Energieform, entsteht meist in Großkraftwerken aus Kohle, Öl oder Kernkraft unter einem Verlust von über 60 Prozent Energie, die als Wärme verlorengeht. Stromsparen ist also eine sehr wirksame Form des Energiesparens – und gerade im Privatbereich ließe sich der Stromverbrauch erheblich reduzieren, ohne Komfortverlust. Während die Industrie rund die Hälfte der Edelenergie beansprucht, haben sich die Haushalte mit annähernd 30 Prozent zum zweitgrößten Nutzer gemausert. Ihr Anteil hat sich in den letzten Jahren mehr als verfünffacht.

Die Bemessung der elektrisch genutzten Leistung beruht auf der anachronistischen „Tarifordnung für elektrische Energie“ aus dem Jahre 1938, die ihrerseits auf die „Postdamer Tarife“ zurückgehen, die im letzten Jahr ihr 75. Jubiläum feiern konnten. Bereits damals waren die Tarife für die Kundengruppen Haushalte, Gewerbe und Landwirtschaft zweigliedrig. Sie setzten sich aus einem Grundpreis zusammen, der nach der Anzahl der Zimmer, sprich Tarifräume, bemessen wurde. Hinzu kam ein Arbeitstarif, der den eigentlichen Verbrauch veranschlagte. Einst wurde diese Regelung geschaffen, um „... den Verbrauch an elektrischer Energie zu befruchten“, wie es in einer alten Abhandlung über Elektrizitätstarife heißt.

Um die Elektrizität gegenüber dem Gas und anderen Energieträgern konkurrenzfähig zu machen, sollten die hohen Installations- und Anschlußkosten nicht auf einmal, sondern „lebenslänglich“ in Raten bezahlt werden. Elektroherde, preisgünstig angeboten, ließen die Zahl der Anschlüsse in die Höhe schnellen. Heute rechtfertigen die Energieversorgungsunternehmen (EVU) den Grundtarif mit den Kosten für die permanente Bereitstellung von Strom. Die absurde Abrechnung nach der Zahl der Tarifräume und die systemimmante Förderung eines hohen Verbrauchs tragen mit dazu bei, daß die Tarifkunden durchschnittlich 25,3 Pfennig für eine Kilowattstunde, die Industrie hingegen für die gleiche Energie nur zirka 15 Pfennig im Mittel zahlt.

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