Von Manuel Schneider

Beim Durchblättern seiner Fachzeitschriften stößt Jan van’t Hof immer wieder auf Anzeigen, die dem jungen, arbeitslosen Zahnarzt aus Amsterdam den Himmel auf Erden versprechen – wenn auch nicht in Holland.

„Komm nach Deutschland, dem Paradies für Zahnärzte.“ Mit diesem Tenor wirbt der Düsseldorfer Unternehmensberater Daniel I. Katz bei den EG-Nachbarn, sich in Deutschland als Kassenarzt niederzulassen. Gegen Festhonorar oder Umsatzbeteiligung bietet er seine „langjährigen Erfahrungen“ im Niederlassungsgeschäft an. Bereits über 140 niederländische Zahnärzte sind in den letzten Jahren derartigen Lockrufen gefolgt. Weitere 140 Niederländer streben nach Angaben der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung derzeit die Kassenzulassung an.

Vor allem trostlose Berufsaussichten treiben immer mehr holländische Zahnärzte über die Grenze. Seit drei Jahren ist in den Niederlanden per Gesetz festgelegt, wie viele Einwohner maximal auf eine Kassenzahnarztpraxis kommen dürfen. Seitdem werden nur noch freiwerdende Praxen vergeben, in der Regel zu horrenden Übernahmekosten bis zu einer Million Mark. Bereits achthundert junge Hochschulabsolventen, dreizehn Prozent aller in Holland approbierten Zahnärzte, sind arbeitslos und müssen wie Jan van’t Hof bis zu fünf Jahren auf die nötige Kassenzulassung warten; weitere vierhundert verlassen jährlich die Universitäten. Diese restriktive Zulassungspolitik zwingt die Uniabgänger, sich im Ausland umzusehen. Gigantische Umsätze („bis zu einer Million Mark und mehr“), die von Unternehmensberatern wie Katz in Aussicht gestellt werden, bieten einen zusätzlichen Anreiz, nach Deutschland zu gehen.

„Wir sehen eine Flut holländischer Zahnärzte auf uns zukommen“, klagt denn auch Dr. Hermann Otten, der bei der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Nordrhein für Zulassungsfragen zuständig ist. Ende vergangenen Jahres griffen allein in diesem grenznahen Bereich über neunzig Zahnärzte mit niederländischem Diplom zum Bohrer.

Das Recht auf freie Niederlassung, das den Holländern in ihrer Heimat genommen wird, ist ihnen als Bürger der Europäischen Gemeinschaft in allen anderen EG-Ländern – so auch in Deutschland – garantiert. Während aber ihre deutschen Kollegen nach dem Studium eine zweijährige Assistenzzeit bei einem Kassenarzt absolvieren müssen, in der sie Erfahrungen im Kassenzahnarztrecht und Abrechnungsverfahren sammeln sollen, genießen Zahnärzte aus dem europäischen Ausland grundsätzlich das Privilig, sofort nach ihrem Examen eine Kassenpraxis aufmachen zu können. Die halbjährige Vorbereitungszeit, die auch ihnen von deutscher Seite bislang auferlegt wurde, darf ihnen laut übergeordnetem EG-Recht seit dem 1. Juli 1986 nicht mehr abverlangt werden.

„Dies ist eine kaum zu fassende Diskriminierung der deutschen Zahnärzteschaft“, empörte sich der kürzlich verstorbene Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Horst Sebastian, auf dem letzten Zahnärztetag vor versammelter Mannschaft. Auch für den Justitiar der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Heribert Pohl, ist die (seltene) Konstellation, daß Ausländer gegenüber den „eigenen Leuten“ bevorzugt werden, „absurd“. „Leider sind uns rechtlich die Hände gebunden“, fügt er resigniert hinzu.