Von Willi Winkler

Es wird langsam Zeit, Peter Handke gegen seine Bewunderer in Schutz zu nehmen: Er ist kein Goethe für das zwanzigste Jahrhundert, er ist kein zweiter Jakob Böhme und schon gar nicht jene Personalunion von Pythia und Hl. Sebastian, in die ihn seine Ausleger gern erheben möchten, um bei der Gelegenheit ein paar Tränlein über die eigene Korruption in den Cashmere-Schal zu vergießen. Handke ist wahrscheinlich nicht einmal der große Schriftsteller, den man aus ihm gemacht hat, sondern eher immer ein genialer Monteur von Eindrücken und Beobachtungen gewesen; statt der "Wahlverwandtschaften" schreibt er "Maximen und Reflexionen".

Eins muß man ihm allerdings lassen: Handke wußte immer, wo’s langgeht, und was an der Zeit ist. Selbst bei seinem gegenwärtigen Projekt, einer poetischen Friedensstiftung, mit dem er jeden Kontakt zur Wirklichkeit verloren zu haben scheint, wird man ihm noch zugute halten müssen, daß er schneller und weiter denkt als unsereiner, der in dieser Naturfrömmigkeit nur mehr eine frühe künstlerische Verweisung sehen kann.

Mit dem "Gedicht an die Dauer" hat Handke nun eine Art Poetik vorgelegt, eine ästhetische Standortbestimmung, wie sie 1972 auch das Gedicht "Leben ohne Poesie" versuchte. Eigentlich gehörten die etwas mühsam auf Buchlänge gestreckten Zeilen in eine Zeitschrift, sie würden vielleicht auch als "Zueignung" vor einem größeren Werk wie der vor kurzem erschienenen "Wiederholung" stehen können, doch zunächst will das Gedicht in dieser Veröffentlichungsform ernstgenommen werden.

Bei aller Klassizität, die er sich seit einigen Jahren verordnet hat, wird klar, auf was Handke hinauswill, und scheinphilosophische Begriffe wie "Dauer" und "Wiederholung" bestätigen das: Handke versucht sich in eine kontemplative Schreibhaltung zu versetzen, in der ihm die Rede nach alter Weise frei entströmt.

Auf die Gefahr hin, sich mit seinem Homerisieren zum Gespött der Leute zu machen, will er vom Erzähler (der Handke nie wirklich war) zum Rhapsoden werden. Das Wüste, das Aggressive, der Zorn, diese Ausschläge, mit denen emphatische Literatur entsteht, sollen wegfallen zugunsten einer pazifizierten Sprache, die nichts mehr zu erzählen braucht.

Handkes Gedicht zufolge erfordert der schriftstellerische Gleichmut die "Stille", das "Wunder", den "Anhauch", die "Gnade" der Dauer, auch wenn diese im Grunde nicht zu erreichen und auch mit einem Gedicht nur momentweise zu fassen ist. "Ekstase ist immer zu viel,/ die Dauer dagegen das Richtige", heißt es einleitend, deshalb kann in dieses Befriedungsprogramm auch nicht jene sommerliche Segelpartie vor der türkischen Küste passen, von der Handke eingangs berichtet. Sein Begriff von der Dauer hängt an der Alltäglichkeit; ekstatische Stimmungen, euphorische Glücksgefühle würden nur stören, weil sie nicht von Dauer sind. Sein Urlaubserlebnis, der vollkommene Einklang mit Natur und Geschichte in "biblischer" Landschaft, wird durch "Beklommenheit" getrübt, weil soviel Glück auf Dauer nicht zu haben ist und wohl auch nicht zu ertragen wäre.