Er wollte eine Flasche Rotkäppchen-Sekt wetten, daß die SPD über 40 Prozent der Stimmen bekommt. Aber seine Familie glaubte den westdeutschen Propheten aus dem Fernsehen mehr. Die Flasche Sekt könne er ihnen ruhig jetzt gleich zum Sonntagskaffee servieren. Trotzig blieb der Schlosser aus Ost-Berlin dabei: Er hätte, wäre er Westdeutscher, die SPD gewählt, sagt er.

Nicht, weil sie ihm so gut gefalle, sondern weil ihm die anderen so mißfallen: bei der CDU das anti-kommunistische Geschwafel, die FDP sei für einen Arbeiter zu sehr eine Unternehmerpartei, bei den Grünen wird Politik zu sehr auf Umwelt verkürzt, bei anderen Themen seien sie ihm zu konfus.

Die Freunde am Abend, vor der ersten Hochrechnung um ihre Prognosen gebeten, siedelten die CDU/CSU knapp unter 50 Prozent an, der SPD gaben sie kaum 35 Prozent: „Nicht Wunsch, sondern Befürchtung“, sagte einer von ihnen. Um so größer die Erleichterung bei den ersten Hochrechnungen: „Also ist der Rechtsruck doch nicht so heftig wie erwartet“, konstatierte ein Universitätsdozent. Eine Schriftstellerin erklärte, was für ein Ergebnis sie gewollt hätte: „CDU/CSU und FDP so wenig Stimmen, daß sie nicht regierungsfähig sind, SPD so knapp, daß sie mit den Grünen koalieren müßte.“ Die Abgrenzung der SPD gegenüber den Grünen habe sie geärgert, als Schwächung der Linken in der Bundesrepublik. Wie viele Jugendliche und Intellektuelle in der DDR hätte sie, wäre sie gefragt worden, grün gewählt: „Die reden anders als die anderen, gehen Probleme an, die wir auch haben, haben keinen Dreck am Stecken.“

„Die SPD hat mir zu sehr zwischen grün und schwarz geeiert“, sagte ein Diplomingenieur. „Ausstieg aus der Kernenergie in zehn Jahren, dafür bei der Wahlwerbung wie die CDU die Nationalhymne und Schwarz-Rot-Gold und ‚Deutschland‘, das einen neuen Kanzler braucht, als ob nun die DDR auch für die SPD nicht mehr Deutschland ist, denn Rau hatte doch wohl kaum vor, auch unser Kanzler zu werden, oder?“

Im Wahlkampf habe man überhaupt zu sehr den Wählern nach dem Mund geredet: „Vielleicht ist der CDU-Verlust auch ein Zeichen dafür, daß die Leute keinen Kanzler wollen, der immer wieder so peinliche Ausrutscher produziert, sondern eine moralische Autorität, die überall Anerkennung genießt, so wie euer Bundespräsident Weizsäcker. Demokratie muß doch nicht heißen, daß die Politiker sich dauernd der Mehrheit anpassen. Brandt hätte vemutlich kaum eine Mehrheit für seine Ostverträge gefunden. Trotzdem waren sie richtig.“ Selbst die in der DDR, die des eigenen Systems so gründlich überdrüssig sind, daß sie, hätten sie die Wahl, unsere CDU wählen würden, wurden bei manchen CDU- und CSU-Äußerungen der letzten Wochen in ihrer Sympathie schwankend.

Beruhigt sahen viele in dem Wahlergebnis eine Bestätigung der Entspannungspolitik durch die Bevölkerung. „Das interessiert uns natürlich am meisten“, sagte ein privater Handwerker, „bei uns würden deshalb so viele SPD und FDP wählen, weil die als erste durch ihre Verträge Erleichterungen für uns bewirkt haben. Bei der CDU wäre doch alles noch wie früher. Und die steckt sich jetzt die vielen DDR-Reisen in dringenden Familienangelegenheiten als eigenes Verdienst ans Revers! Kann denen nicht mal jemand sagen, daß die moderate Haltung der DDR-Regierung gegenüber dem Westen trotz der Angriffe in letzter Zeit, die gewisse Freizügigkeit gegenüber Reisewünschen der eigenen Leute, vor allem Gorbatschow zu verdanken ist, der Frieden nach außen will, um mit seinen Problemen zu Hause fertig zu werden?“ Die offizielle DDR reagierte ähnlich wie ihre Bürger und bemühte sich, dem Wahlergebnis möglichst viel Positives abzugewinnen. Die Zeitungen und Fernsehnachrichten der DDR stellten besonders die Erfolge der Grünen heraus, feierten das gute Abschneiden der SPD im Saarland und in Nordrhein-Westfalen und machten die Sozialdemokraten zur stärksten Partei, indem sie CDU und CSU auseinanderdividierten und die Notwendigkeit der CDU herauskehrten, mit CSU und FDP zu koalieren, um weiterregieren zu können.

Marlies Menge (Ost-Berlin)