„Adenauer“, siebenteilige Dokumentarreihe von Rainer Hagen und Karl-Ernst Maring. Erste Folge am Samstag, 31. 1. 87 um 20.15 Uhr, in allen dritten Programmen außer in Bayern III. WDR III sendet die Serie jeweils eine Woche später am Sonntag.

Ich will Kanzler werden“ – nein, nicht vom Enkel stammt der Satz, wie wir nun erfahren, sondern vom „Alten“ selber. Sieben Wochenenden lang werden die Dritten Programme eine Biographie des ersten Bonner Regierungschefs ausstrahlen, von dem sich diese Republik auf ihren Weg bringen ließ, der sie in den Westen integrierte, die Jungmannen ans Gewehr rief, die Gefangenen des letzten Krieges aus Rußland holte, den Professor Erhard die soziale Marktwirtschaft verwalten ließ und im biblischen Alter von 87 Jahren unfreiwillig abtreten mußte.

Nach der großen Adenauer-Biographie des Professor Hans-Peter Schwarz (er hat die Filmautoren Rainer Hagen und Karl-Ernst Moring beraten) nun also eine Fernseh-Serie zu bester Sendezeit. Damit nicht genug, ein langes Adenauer-Epos aus Bayern soll folgen und auch das Zweite Fernsehen wird nicht untätig bleiben – im April jährt sich zum zwanzigsten Male der Todestag Konrad Adenauers. Der Mann, nach dem eine ganze Ära benannt wurde, ist endgültig „historisiert“, sein Bild nicht länger von der Parteien Haß und Gunst verzerrt.

Autor Hagen gesteht freimütig, er habe seinerzeit, als Kriegsheimkehrer, den Kanzler gehaßt, weil er schon wieder Divisionen aufmarschieren ließ. Heute indes könne er die Politik Adenauers verstehen, respektiere dessen historische Größe.

Einen Professoren-Film wollten die beiden NDÄ-Redakteure auf keinen Fall machen, nur Zeitungen und Bilder sprechen lassen, sich so objektiv wie möglich der kantigen Figur des „Alten“ nähern. Ursprünglich hatten sie ihre Geigen viel höher gehängt, die Geschichte des ganzen Jahrhunderts sollte auf den Bildschirm. Dann blieb man bei Adenauer hängen, der in seinem Leben vier entscheidende Epochen deutscher Geschichte durchmessen hat. Aus dieser Beschränkung resultierte Unentschiedenheit im Urteil. Wer eine Auseinandersetzung mit der historischen Persönlichkeit erwartet, eine vergleichende Bewertung seiner politischen Prinzipien und Entscheidungen, eine gnadenlose Auflistung seiner Fehlgriffe und Versäumnisse, der braucht gar nicht erst das Fernsehgerät einzuschalten. Zu sehen ist lediglich ein bunter „Neuruppiner Bilderbogen“, gespickt mit Erinnerungen und Anekdoten. Was Biograph Schwarz schrieb, als er den Adenauer des Mai 1945 schilderte, paßt wie ein Motto zu diesem Film: „Keine Politik mehr, der alte Herr ist nur noch Mensch.“

Da ist der Kölner Bürgerssohn, aufgewachsen im Schatten des Domes (dem damals noch die Türme fehlten), wo man ihn dereinst aufbahren wird. Ein Kind der Gründerzeit, der wilhelminischen Epoche, die ihn viel tiefer geprägt hat, als es den Bundesbürgern nach 1949 bewußt war. Soldat ist er nie gewesen, konnte es wegen seines kränklichen Körpers nicht werden. Aber wer einen Vater hatte, der nach der Schlacht bei Königgrätz 1866 wegen Tapferkeit zum Sekonde-Leutnant befördert wurde, wer bereits aus der Kinderfibel mit dem Buchstaben „M“ das Wort Militär gelernt hat, dem machte es nichts aus, bereits fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des zerschlagenen Bismarck-Reiches den Alliierten Soldaten anzubieten. Bei der Abschiedsparade der Bundeswehr salutiert der Zivilist Adenauer wie selbstverständlich. Und militärische Begriffe drängen sich den Zeitzeugen auf, wenn sie den Mann beschreiben, der bis ins hohe Alter aufrecht ging, als habe er einen Ladestock verschluckt. „Der gute Typ eines kommandierenden Generals“, sagt der ehemalige Botschafter und Ritterkreuzträger Rolf Pauls über ihn.

Die Sekundärtugenden der preußischdeutschen Gesellschaft sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen: Fleiß, Sparsamkeit, Leistung, Disziplin und über allem die Pflicht. Sie hat er an seine Kinder weitergegeben. Hört und sieht man seine beiden ältesten Söhne – inzwischen auch betagte Herren – so spürt man noch heute die Last des strengen väterlichen Regiments. Da müssen sich stille Tragödien im Kinderzimmer abgespielt haben. Konrad Adenauer junior erinnert sich, wie der Vater, als Nikolaus verkleidet, mit einem großen Sack hereinkam, aus dem scheinbar noch Beine und Schuhe eines armen Knaben herauslugten. Der weißbärtige Mann drohte ihm an, er werde ihn, wegen seiner dauernden Lügen, mit in den Himmel nehmen und von dort auf die Erde kippen. Nach dieser Gardinenpredigt mußte der kleine Konrad den Nikolaus durch ein dunkles Zimmer zur Tür geleiten.