Von Allister Sparks

Natürlich sparten die Führer des militanten schwarzen Widerstandes gegen die weiße Herrschaft in Südafrika nicht mit kämpferischen und optimistischen Reden, als sie Anfang des Jahres in der sambischen Hauptstadt Lusaka den 75. Geburtstag ihres African National Congress feierten. Trotz aller Parolen war aber ganz deutlich, daß Oliver Tambo und seine Leute die Lage und ihre eigenen Chancen ganz nüchtern beurteilen.

Zweieinhalb Jahre nach Beginn der blutigen Unruhen in den schwarzen Townships beginnt die Aufstandsbewegung abzuflachen. Ein unmittelbares Ende der weißen Herrschaft ist nicht in Sicht, und der massive Gegenschlag Pretorias unter den Bedingungen des im Juni 1986 verhängten Ausnahmezustands erzwingt eine düstere Ruhe in den schwarzen Wohngebieten. Tausende politischer Aktivisten sind eingesperrt, manche haben Südafrika verlassen, viele halten sich verborgen. Unter denen, die noch in Freiheit leben, macht sich Erschöpfung breit; die Zahl der blutigen Zwischenfälle in den Townships ist deutlich zurückgegangen.

Die ANC-Führer im Exil wie an der Heimatfront sind dabei, ihr bislang oft euphorisches Urteil über die Chancen eines großen Volksaufstandes mit anschließendem Machtwechsel zu revidieren. Das meint zum Beispiel Tom Lodge, der führende ANC-Experte unter Südafrikas Wissenschaftlern. Der Politologe von der liberalen Witwatersrand University urteilt, der Kampf um Südafrika flaue ab; diese Phase, so meint er, kann ein Jahr dauern, vielleicht auch länger – bis zur nächsten großen Krise. Heute bemüht sich der ANC nach Lodges Beobachtungen um eine Diversifizierung seiner Strategie: Politische und diplomatische Initiativen und Kontakte zu weißen Südafrikanern und westlichen Politikern sind jetzt wichtig. Darum bedeutet es viel für den ANC, daß Oliver Tambo in diesem Monat den amerikanischen Außenminister Shultz trifft.

Tatsächlich haben führende ANC-Sprecher den Rückschlag ihres militanten Kampfes, ihre Schwierigkeiten in den Townships und das Scheitern des Versuches der ANC-Guerillas vom „Speer der Nation“ (Umkhonto we Sizwe) zugegeben, den Kleinkrieg gegen Pretoria zu eskalieren. Darum muß es dem ANC und seinen Freunden innerhalb der Südafrikanischen Republik jetzt vor allem darum gehen, die Stellung zu halten, damit nicht – wie nach den Aufstandsbewegungen der Jahre 1960 und 1976 – die schwarze Opposition wieder einmal zusammenbricht. Tom Lodge rechnet darum damit, daß der ANC versuchen wird, seine Untergrundstruktur auszubauen – mehr Rekruten in den Stützpunkten im Exil, mehr Guerilleros im Lande selbst, ein paar spektakuläre Anschläge, welche die Moral der Schwarzen stärken und die Weißen an die Macht des ANC erinnern – die politische Mobilisierung der südafrikanischen Schwarzen dürfte aber in nächster Zeit kaum Fortschritte machen. Mit politischen Aktionen wird Südafrikas schwarze Opposition sich 1987 nach Lodges Meinung allenfalls in den Betrieben und durch die Gewerkschaften bemerkbar machen.

Thabo Mbeki, der Informationsdirektor der ANC-Exilführung in Lusaka, sagt mit vorsichtigeren Worten fast das gleiche: „Sicher hatten wir einen Rückschlag, aber das geht vorbei.“ Die Ausgangslage sei gut für den ANC: Seine in der Aufstandsphase errichtete Organisationsstruktur würde die Repressionsphase überleben; die Aktivisten müßten sich freilich an neue Kampfbedingungen gewöhnen – so müßten beispielsweise die in den Untergrund abgetauchten Funktionäre jetzt lernen, sich nicht etwa ein paar Monate einfach zu verbergen, sondern für eine lange Zeit heraus aus dem Untergrund politisch zu agieren.

Die Regierung in Pretoria wittert stets Gefahr, wenn die schwarzen Nationalisten um Oliver Tambo mit südafrikanischen weißen Gruppen anzubändeln suchen. Natürlich ist es ganz unwahrscheinlich, daß sich viele Weiße in die Reihen der ANC-Streiter einreihen werden; für Botha aber ist es schlimm genug, daß gerade auch burische Intellektuelle damit beginnen, den ANC als Machtfaktor im politischen Spiel um Südafrikas Zukunft anzuerkennen, und die Regierung deswegen drängen, das Verbot der schwarzen Organisation aufzuheben und Verhandlungen zu beginnen. Das will Botha nicht.