Das Ahlener Programm der CDU versprach, Kapitalismus und Marxismus zu überwinden

Von Bernhard Wördehoff

Die knapp drei Dutzend Herren (meistens war nur eine Dame dabei) pflegten sich dort zu treffen, wo die Zerstörungen des Krieges noch Raum für ihre Konferenzen gelassen hatten. So stellte der Zonenausschuß der CDU für die britische Zone, geleitet von seinem Vorsitzenden Konrad Adenauer, in den Jahren des Interregnums von 1946 bis 1949 in der Provinz die politischen Weichen für die Zukunft. Man reiste zu diesem Zweck nach Herford, Neheim-Hüsten, Neuenkirchen (Kreis Wiedenbrück), Vechta (Oldenburg), Lippstadt, Eutin, Lünen, Minden, Bad Meinberg/Lippe und Königswinter. Dort fand man Unterkunft in kleinen Hotels (Druffelsmeyer in Neuenkirchen) oder in gemeinnützigen und kirchlichen Einrichtungen (Karolinen-Hospital in Neheim-Hüsten). Im eisigen Winter, vom 1. bis zum 3. Februar 1947, kam der Zonenausschuß im Lyzeum St. Michael zu Ahlen im Münsterland zusammen. Beraten und beschlossen wurde ein Programm mit der Überschrift „CDU überwindet Kapitalismus und Marxismus“. Als „Ahlener Programm“ ist es zum bekanntesten Grundsatzpapier der CDU geworden, obgleich es in wichtigen Kernaussagen nie zur Grundlage praktischer Politik wurde.

Jahrzehnte später hat eine boshafte Nachrede behauptet, bei den Programmberatungen habe sich der große Konrad Adenauer auch deshalb zurückgehalten, weil er in den für ihn viel zu kurzen Internatsbetten so schlecht geschlafen habe. Wenn Adenauer sich wirklich zurückgehalten hat (ein Protokoll der Beratungen existiert nicht), dann deswegen, weil das Ahlener Programm sein eigenes Werk und er damit zufrieden war. „Eigentlich müßte es das Adenauer-Programm heißen“, schreibt Hans-Peter Schwarz in seiner Adenauer-Biographie (Stuttgart 1986). Denn: „In dem westfälischen Bergwerksstädtchen Ahlen erfolgt im großen und ganzen nur noch die Ratifizierung der im Kölner Bankenviertel vereinbarten Kompromisse zwischen dem bürgerlichen Flügel und dem Gewerkschaftsflügel.“ Doch könnte Konrad Adenauer in der Schlaflosigkeit des zu kurzen Bettes im Ahlener St.-Michael-Lyzeum wohl das Bild vom Prokrustesbett in den Sinn gekommen sein: Wie ist ein Parteiprogramm zu behandeln, auszulegen, zu stutzen oder zu verrenken, damit es in die eigene politische Linie paßt?

Vor zehn Jahren hat Franz Josef Strauß in seiner kernigen Art geraten, man solle „die Mumie endlich einmal im Grab lassen und nicht das Gras fressen, das längst darüber gewachsen ist“. Weder Lust an Grabschändung noch Vegetarismus lenken jedoch den Blick vierzig Jahre zurück auf jenes vergilbte Papier von Ahlen mit seinem fanalhaften Eröffnungssatz – „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden“ –, sondern die Frage, wie das damals war und wieso alles ganz anders kam: Nachlese in unserer Vorgeschichte also, in einem Stück Adenauer-Geschichte. Darin ist das Ahlener Programm mehr als eine Fußnote.

Als Konrad Adenauer Anfang 1946 an die Spitze der CDU in der britischen Zone tritt, ist das keineswegs eine Partei nach seinen Vorstellungen, wie er sie als notwendig und lebensfähig ansieht: eine prononciert nicht-sozialistische Partei. Stark sozialistisch geprägt durch Widerstand und katholische Soziallehre sind nicht nur die CDU in Berlin und der sowjetischen Zone, sondern auch in Hessen (schon Ende 1946 wird Adenauer sein Abonnement der Frankfurter Hefte zum frühestmöglichen Zeitpunkt kündigen!); auch der Kölner Gründungskreis mit Johannes Albers basiert auf dem Gedanken eines christlichen Sozialismus. Er und andere hatten mehrfach geäußert, das bürgerliche Zeitalter sei zu Ende. Dem war Adenauer scharf entgegengetreten: „Das bürgerliche Zeitalter wird nie zu Ende sein!“

Adenauer kommt es jetzt auf dreierlei an: