Freiburger Professoren dozieren in der Kneipe

Freiburg i. Br.

Ein Freiburger weiß, was er an einem dieser kalten Sonntagnachmittage tut. Der Schauinsland ist nah, die Langlaufloipen locken, der Wintersport hat dem armen Sportclub, der in der Zweiten Fußball-Bundesliga tapfer das Mittelfeld beherrscht, schon immer das Wasser abgegraben. Seit kurzem aber scheint es, als hätten die Freiburger ein Vergnügen ganz neuer Art entdeckt.

Sonntag nachmittag, 17 Uhr. Grimmig ist die Kälte, wenn die Tür auf- und zugeht. „Gebt die leeren Glühweingläser zurück, wir haben keine mehr!“ ruft es von der Theke. Das „Litfaß“, die erste Freiburger Studentenkneipe überhaupt, zugleich das angeblich „kleinste Theater Deutschlands“, ist überfüllt. Statt der fünf kleinen Tischchen, die sonst unter den vergilbenden Folk- und Kleinkunstplakaten herumstehen, hat der Wirt lange Holzbänke hintereinandergestellt, wodurch sich eine Atmosphäre einstellt, die mehr mit Bierkrügen zu tun hat als mit den Weingläschen für den badischen Gutedel, der hier üblicherweise die Gedanken beflügelt. Kneipier Dr. Peter Ruhr (Promotionsthema: Blasmusik) rückt zum letztenmal das Mikrophon am Stehpult zurecht. „Professoren lesen im Litfaß“ heißt die Veranstaltungsreihe, die hier seit einigen Wochen unter dem Motto „Die fröhliche Wissenschaft“ stattfindet, eine Idee des Wirts, ein Geniestreich, mit dem er den Umsatz des „Litfaß“ kräftig angekurbelt hat.

Am Anfang stand die Idee, die „unheilvolle Trennung zwischen Gastronomie und Wissenschaft“ aufzuheben, doch mag es auch ein wenig mit der einschläfernden Amtssicherung heutiger Wissenschaftler zu tun haben, daß der Rückgriff auf bodenständige akademische Gepflogenheiten eine derartige Sogwirkung ausübt. Jeder Hörer bringt im „Litfaß“ eine Vorlesungsgebühr von einer Mark in den „Getränkefond für dozierende Professoren“ ein, davon trinkt der Professor umsonst. Eine Erinnerung an seine unmittelbarsten Lebensbedürfnisse, denn darüber hinaus bekommt er nichts.

Die meisten haben dann das vorgetragen, was sie auch an der Universität pflegen. Der Mediziner Daschner zeigte sich als ein erfahrener Plauderer über Klinikhygiene, der Volkskundler Röhrich dozierte sehr seriös über den „Zeichenwitz“, und der Linguist Gauger analysierte souverän den Redestil Helmut Schmidts. Anderen fiel es schwerer, der neuen Gattung gerecht zu werden: das „wissenschaftliche Beiseitesprechen“ des Lacan-Germanisten Kittler, der selbst seine Fußnoten poststruktural mit einbettete, fand selbst der Dr. Wirt recht „schwierig“. Vor allem hätten aber die Naturwissenschaftler gewisse Umstellungsprobleme, ja die Juristen begriffen das ganze gar als „ganz normalen Vortrag“! Ruhr muß einräumen: „Die meisten sind noch etwas ängstlich!“ Nicht ganz zu Unrecht, zeigte doch gleich der erste Vortrag, in dem der Germanist Carl Pietzcker über „Brechts Herzneurose“ sprach, welche emotionalen Kräfte die reine Wissenschaft im Kneipenmilieu entfalten kann. Psychoanalytische Literaturinterpretation erfreut sich in Freiburg seit jeher heftig umkämpfter Beliebtheit. Pietzcker ging von Brechts Herzattacken aus, die zu einer „Herzstillstandsangst“ führten; die habe Brecht durch seinen Schreibzwang überspielt und vor allem durch sein Verhalten zu Frauen: Da mußte immer alles unter Kontrolle sein. Ambivalente Mutterbeziehung, Verschmelzungsängste, deswegen sein ausgeklügeltes Geliebtensystem, seine Einschätzung, daß Emotionen gar nicht sein müßten, deswegen nicht zuletzt die Theorie des „epischen Theaters“. Es entsprach durchaus Pietzckers Absicht, daß die Macht der Gefühle im „Litfaß“ entfesselt wurde. Die anwesende Rezensentin etwa habe sich „mit dem intellektuellen Brecht identifiziert und unreflektiert seine Lehrerrolle übernommen!“ sagt Pietzcker. „Warum aber hat Pietzckers rechte Hand so ungeheure Verschmelzungswünsche mit der Hosentasche?“ stand anderntags in der Badischen Zeitung.

„Litfaß“-Wirt Ruhr kann solcher Zwist nur recht sein. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht und anders als die universitären Veranstaltungen geht seine Vorlesungsreihe jetzt mitten in die Semesterferien hinein, ja fast scheint es so, als zähle es bei Freiburgs Akademikern ein wenig zum Prestige, im „Litfaß“ zu lesen.

Helmut Böttiger