Einer spielt nicht mehr mit. Schon drei Tage vor der Wahl, beim Palaver der „Spitzenkandidaten“, wirkte er wie jemand, der nicht mehr dazugehört – und er schien nicht einmal betrübt darüber zu sein. Er schaute freundlich in die Runde; er redete milde, mit brechender Stimme. Recht haben oder gar kämpfen wollte er nicht. Johannes Rau, Kanzlerkandidat der SPD, war zum Aussteiger geworden.

Unwahrscheinlich, daß er jemals wirklich den Wunsch hatte, die Macht am Rhein zu erobern. Drei Tage noch, und er durfte die Bonner Bühne verlassen. Aber ein Auftritt stand ihm noch bevor. Und der hätte ihm fast noch Schaden zugefügt.

Am Wahlabend nämlich geriet Johannes Rau in ein nahezu lebensbedrohendes Gedränge der Reporter und Photographen. Sein Vorsatz, sich nicht verbiegen zu lassen, wurde auf die bisher härteste Probe gestellt. Doch Rau kämpfte sich aus dem Massenringen frei, sagte vor den Kameras mit schlichten, klugen Worten das Notwendige. Und dann hatte er eine letzte Bitte an die Herren Journalisten: „Können Sie mir helfen, daß ich wieder in mein Büro komme?“

So endete Johannes Raus Weg zur Kanzlerschaft. Ein schöner Abgang, eine starke Szene – nicht die einzige an diesem Abend. Wir hatten den Torschützen des Jahres gesehen, die wilde Milva („Meine Seele ist blaß“) und das stets aufs Neue erregende Schauspiel des Herrenrodel-Doppelsitzers. Wir hatten Petra Kellys Jubelruf („Die Frauen kommen langsam – aber sie kommen gewaltig“) erlebt und den verspäteten, bizarren Auftritt des bayerischen Ministerpräsidenten in der „Bonner Runde“, in die er einbrach wie der Revisor, wie der Steinerne Gast, wie ein berauschter Racheengel. „Wer ist denn Herr Schulze?“, fragte Herr Strauß, und das, in der Tat, mußte einmal gefragt werden.

So erlebten wir am Ende doch noch eine kleine Wende – auf den langweiligsten aller Wahlkämpfe war der lustigste aller Wahlabende gefolgt. Durch die Bonner Fernsehstudios wehte zwar nicht der Atem der Geschichte, dafür aber der frische Luftzug der Posse.

Opfer der Pflicht

Es ist also vorbei. Endlich ein Ende! Der gerupfte Sieger zieht dorthin, wo es nichts mehr zu gewinnen gibt – in die Koalitionsverhandlungen, Der getröstete Verlierer kehrt dorthin zurück, wo er einst ein Sieger war, und wo er wohl besser geblieben wäre.