Von Detlef Vetten

Donnerstag abend in Wengen. Düfte von geschmolzenem Käse ziehen durchs Restaurant „Bernerhof“. Das scheint die jungen Leute am Nebentisch nicht zu stören. Sie bestellen: eine große Karaffe Eiswasser, eine doppelte Portion Pommes frites für ihn, zwei Cola light, einen gemischten Salat für sie, Käsefondue für beide.

Er ißt mit Appetit. Die Pommes frites angelt er mit den Fingern vom Teller, fürs Fondue steckt er Riesenstücke Brot auf die Gabel. Er ist ein wenig untersetzt, mit massivem Oberkörper, das jungenhafte Gesicht paßt nicht recht zu den Geheimratsecken.

Diana, hübsch, Schmollippen, Sommersprossen, große dunkle Augen, etwas mollig, schaut ihm amüsiert zu. Sie redet wenig, lächelt viel, hat eine gute Ausstrahlung, etwas Zuversichtliches.

Und Zuversicht hat der junge Mann durchaus nötig. Er ist Skifahrer, heißt Douglas Lewis, kommt aus den Vereinigten Staaten, und man sagt, wenn er in Form ist, gehört er zu den fünfzehn besten Abfahrtsläufern der Welt.

Aber er ist nicht in Form. Seit Beginn der Saison fährt der Amerikaner den anderen hinterher. Er weiß nicht warum, er weiß nur eins. Es wird von Rennen zu Rennen schlimmer.

„No Doug, not now“. Jetzt nicht, Doug. Die Freundin verweigerte sich. Er drängte sie an die Rückwand des Fernseh-Übertragungswagens. Aber sie hatte keine Lust auf Zärtlichkeit. Schob ihn weg. Machte ihm ein Zeichen, das wohl heißen sollte: Später, reg’ dich erst mal ab. Das war in Garmisch gewesen. Eine knappe Viertelstunde zuvor war Douglas Lewis die Kandahar-Abfahrt heruntergerast. Ein paarmal haarscharf am Sturz vorbei; an der äußersten Grenze dessen, was ein Mensch sich auf Skiern erlauben kann, ohne Leib und Leben ernstlich zu gefährden; mit Puls 200; nach Ausschaltung jeglicher Phantasie; nach Verdrängen natürlicher Angstgefühle; hinuntergetrieben vom Willen zu siegen.