Von Johannes Grotzky

Gori, einer der ältesten Orte Georgiens und heute mit vierzigtausend Einwohnern ein wichtiges Zentrum der Baumwollindustrie, liegt recht malerisch in der kaukasischen Berglandschaft. Doch wer nach Gori kommt, das neunzig Kilometer nordwestlich von der Metropole Tbilissi entfernt ist, interessiert sich kaum für Naturschönheiten. Wichtigster Anziehungspunkt ist eine kleine Lehmhütte, die von einer tempelartigen, auf Marmorsäulen gestützten Überdachung quasi gekrönt wird. Drei Holzstufen führen hinauf in einen ärmlich eingerichteten Raum mit Tisch, Stuhl und einem breiten, niedrigen Bett. Hier wurde Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili 1879 geboren, der nach Verwendung vieler Tarnbezeichnungen schließlich unter dem Namen Stalin in die Geschichtsbücher einging.

Hinter der prunkvoll umbauten Lehmhütte erstreckt sich ein weißes, zweigeschossiges Gebäude, dessen Fenster im orientalischen Stil mit Steinornamenten geschmückt sind. Beim Eintritt umfängt den Besucher eine fast sakrale Atmosphäre: Die gewölbten Decken mit prunkvollen Kristallleuchtern sind ebenfalls durch Ornamente verziert. Eine breite, mit rotem Teppich ausgelegte Treppe führt hinauf in drei Ausstellungssäle, die dem Leben und Sterben Stalins gewidmet sind. Photos, Handschriften, Dokumente und Planskizzen illegaler Druckereien sollen den revolutionären Lebensweg demonstrieren. In regelmäßigen Abständen dröhnt die Stimme des Diktators aus versteckten Lautsprechern. Es ist die berühmte Rundfunkansprache, mit der Stalin nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 die Bevölkerung zur Verteidigung aufrief.

Manana, wie Stalin aus Georgien, eine der 56 Angestellten in diesem einzigen Stalin-Museum der Welt, betreut den Gast als sachkundige Begleiterin, sie macht keinen Hehl aus der Sympathie für ihren Helden. Manana erzählt von der kargen Kindheit des kleinen Jossif und von seinen lyrischen Versuchen, in eigenen Versen das harte Schicksal des georgischen Volkes zu besingen. Auf die Frage, ob Manana nicht einige Zeilen vorlesen könne, schlägt sie die großen, braunen Augen nieder und rezitiert auswendig die Zeilen, die Stalin als Sechzehnjähriger verfaßt hat. Manana versteht es, Stalins Bescheidenheit zu loben. Nur auf Vorschlag anderer, so betont Manana, sei Stalin für seine Heldentaten ausgezeichnet und auf führende Posten berufen worden. Sie räumt allerdings ein, daß es schon frühzeitig Widerstand in der Partei gegen Stalin gab. Doch das seien Trotzkisten gewesen, deren Kritik selbst Lenin zurückgewiesen habe. Kein Wort freilich darüber, daß Lenin die Partei schriftlich vor den diktatorischen Zügen Stalins gewarnt hatte. Vielmehr preist Manana den Diktator als Formulierer des Leninismus und gibt zu verstehen, daß die heutige Sowjetideologie gewissermaßen auf Stalins Grundkonzeption aufbaut. Die engagierte Fremdenführerin versäumt aber auch nicht, auf das persönliche Schicksal Stalins während des großen vaterländischen Krieges aufmerksam zu machen. Einer seiner Söhne war von den Deutschen gefangengenommen worden. Später bot Hitler einen Austausch gegen Generalfeldmarschall von Paulus an, der bei Stalingrad kapituliert hatte. Der Diktator verzichtete, und sein Sohn wurde im KZ Sachsenhausen umgebracht.

Der schillernde Lebenslauf der Stalin-Tochter Swetlana Alilujewa mit ihren Wanderungen zwischen der sozialistischen und der kapitalistischen Welt, ihrer Flucht über Indien nach Amerika, ihrer reumütigen Rückkehr in die Sowjetunion und ihrem neuerlichen Wechsel in den Westen wird kurz abgetan. Swetlana, Doktor der Sprachwissenschaften, so die interpretationsbedürftige Erläuterung, hält sich gegenwärtig in Amerika auf.

Zur Rechtfertigung von Stalins Taten verblüfft die Fremdenführerin den ausländischen Besucher auch mit westlichen Quellen. Sie verweist auf große Texttafeln mit Zitaten von Roosevelt, Churchill und Charles de Gaulle, die sich alle – seinerzeit lobend über ihren Verbündeten Stalin geäußert hatten. Zwangsläufig entsteht die Frage, wie man denn heute über die Kritik des XX. Parteitages denke, jene Kritik nämlich, mit der die Phase der Entstalinisierung eingeleitet und die stalinistischen Lager geöffnet wurden. „Die Erklärung des XX. Parteitages bleibt weiter in Kraft“, meint Manana mit sachlichem Unterton und bittet dann den Gast mit einer fast ehrfürchtigen Verbeugung, ihr in den Trauersaal zu folgen.

Der kleine Raum ist abgedunkelt. Eine Empore führt den Besucher um ein Säulenrondell, das mit frischen Blumen geschmückt ist. In der Mitte liegt angestrahlt auf einem kleinen Podest eine der wenigen Totenmasken Stalins. Manana läßt den Besucher kurz verweilen, ehe die Führung mit profaneren Dingen fortgesetzt wird: Pfeifen aus dem Nachlaß des Dauerrauchers, sein Telephon, das er während der Konferenz von Teheran benutzt hat, der Marschallmantel des Diktators. Es folgen Bilder aus dem Familienalbum, Ausweiskarten von Frau und Kindern, das letzte Photo Stalins mit seiner greisen Mutter. Zum Abschied hat Manana dann noch eine bescheidene Bemerkung aus dem Munde Stalins bereit, die er gegenüber einem deutschen Publizisten gesagt haben soll: „Peter der Große war nur ein Tropfen im Meer, Lenin dagegen ein ganzer Ozean. Was aber mich betrifft“, so Stalin über sich selbst, „so bin ich nur ein Schüler des großen Lenin und versuche, mich dessen würdig zu erweisen.“