Wirtschaft läuft. D-Mark super. Nur die SPD macht mies.“ So hieß die Schlagzeile der CDU-Wählerpostille Deutschland am Wochenende, die acht Tage vor der Wahl millionenfach unters Volk gestreut wurde. Für alle, die es immer noch nicht glauben wollten, stand darunter: „Alle Daten zeigen an, daß dieser Aufschwung anhält.“ Kein Zweifel: Eine solche Behauptung kommt dem von der SPD erhobenen Vorwurf der „Aufschwunglüge“ bedenklich nahe.

Natürlich wußte es die Bundesregierung besser. Ihre Fachleute können Statistiken lesen, ihr Sachverstand ist immer noch größer als das Wunschdenken in den Parteizentralen. Schon seit Monaten ist die Gefährdung des konjunkturellen Aufschwungs offensichtlich: Die Auftragseingänge sind rückläufig, der sinkende Dollar verdirbt das Auslandsgeschäft, die Investitionen machen den erschlafften Exportboom nicht wett, und der private Konsum allein bringt’s auch nicht. Eine Bilanz, die ganz und gar nicht zu den von der Bundesregierung verbreiteten Parolen vom selbsttragenden, langanhaltenden Aufschwung paßt.

Bisher konnten sich die Schönfärber auf einen überraschenden Verbündeten stützen: die Deutsche Bundesbank. Noch in ihrem Monatsbericht vom Dezember rühmten die Frankfurter Zentralbankiers die Fortdauer des Aufwärtstrends. Sie legten sich gar (ohne das Kind beim Namen zu nennen) mit dem Sachverständigenrat an. Die Fünf Weisen hatten für 1987 gut zwei Prozent Wachstum vorausgesagt, dabei aber – so das Orakel aus Frankfurt – „günstige Zahlen“ für die letzten Monate des Jahres 1986 nicht gekannt. Bis heute wartet die Öffentlichkeit vergebens darauf, daß diese „günstigen Zahlen“ bekanntgemacht werden.

Statt den Beweis für die leichtfertige Schelte anzutreten, räumte Bundesbankpräsident Otto Pohl jetzt ein: „Die konjunkturelle Situation in der Bundesrepublik ist im Augenblick nicht eindeutig zu übersehen. Einige statistische Zahlen haben in letzter Zeit nicht alle Erwartungen erfüllt.“ Man muß nicht gleich die Unabhängigkeit der Bundesbank in Zweifel ziehen, aber eine passendere Begleitmusik zu ihrer Wahlwerbung hätte sich die Bundesregierung kaum wünschen können.

Schwer verständlich ist auch, wie lange und unkritisch die Medien den amtlich verkündeten Optimismus nachbeteten. Vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen mehr Distanz zu verlangen, ist wohl illusorisch. Doch auch der nicht endende Jubel über die konjunkturelle Schönwetterlage in den Gazetten der Republik zeugte nicht gerade von intensivem Nachdenken. Aber wer wird schon die vereinte Kompetenz von Bundesregierung und Bundesbank bezweifeln? Das können doch nur Linke oder notorische Schwarzmaler sein...

Schon lange sind die Zeichen der wirtschaftlichen Schwäche in der Bundesrepublik nicht mehr zu übersehen. Jetzt prasseln die Negativmeldungen Schlag auf Schlag aufs Publikum nieder. Das jüngste Beispiel: Vier der fünf Konjunkturforschungsinstitute, die in ihrem Herbstgutachten für 1987 ein Wachstum des Sozialprodukts um drei Prozent voraussagten, haben diese Prognose deutlich nach unten revidiert.

Das Ganze nimmt sich fast wie ein Abwertungswettlauf aus. Das HWWA in Hamburg ist bei weniger als 2,5 Prozent Wachstum angelangt, RWI in Essen und Ifo in München bei zwei Prozent. Die Auguren vom DIW in Berlin, die im Dezember der deutschen Wirtschaft immerhin noch einen mageren Zuwachs um 1,5 Prozent zutrauten, mögen sich heute nicht einmal mehr dafür verbürgen. Da ließ sich sogar Otto Pöhl zu der Einschränkung hinreißen: „Nach allem, was man heute weiß, wird sich die Konjunktur nicht besonders stürmisch entwickeln.“